Ysselsteyn 2017 - Tag 2

Einzelschicksale und Zeitzeugengespräch

Am nächsten Morgen traf sich die ganze Gruppe nach dem Frühstück im Arbeitsraum, um sich in kleineren Gruppen mit verschiedenen Einzelschicksalen zu beschäftigen. Hier lasen wir zum Beispiel Briefe oder Tagebücher von Angehörigen oder Bekannten von je einer auf dem Friedhof begrabenen Personen. Dabei gab es wieder einmal mehrere sehr unterschiedliche Personen zu betrachten, die alle aus anderen Gründen im Krieg starben. Der 17-Jährige Soldat, der so sensibel war, dass er nicht einmal als Schlachter arbeiten konnte, die 26-Jährige, die auf dem Heimweg in einem bombardierten Zug saß und ein gebildeter Familienvater, der unfreiwillig Soldaten, etc. ausbilden musste hatten alle mindestens drei Dinge gemeinsam: ein eigentlich normales Leben, das durch den Krieg unterbrochen wurde, einen brutalen Tod durch die Skrupellosigkeit einer Handvoll Politiker und ein graues Steinkreuz auf ihrem jeweiligen Grab, das eine viel zu kurze Lebensdauer anzeigt.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen bekamen wir dann Besuch von einer holländischen Zeitzeugin, die uns von der Geschichte ihrer Familie und dem Einfluss der Nationalsozialisten darauf erzählte und später für Fragen bereitstand. Sie wurde 1943 als jüngstes von sieben Kindern in einer Villa in Den Haag geboren. Weil ihr Vater zum in den Niederlanden verhassten Nationalsozialistischen Bund gehörte, wurden ihre Geschwister in der Schule gemobbt und ausgestoßen. In der Endphase des Krieges musste die Familie aus ihrer Heimat fliehen und kam letztendlich mit vielen anderen Holländern in einer Sporthalle in der Lüneburger Heide unter.

Als sie nach dem Krieg wieder in die Niederlande zurückkehren konnten, wurden ihre Eltern wegen der Unterstützung der Nationalsozialisten verhaftet. Die sieben Kinder im Alter von ein bis elf Jahren mussten fünf Wochen lang allein in der Villa wohnen und sich durch Stehlen und Betteln irgendwie selbst versorgen. Nachdem sie schließlich vom kanadischen Militär befreit wurden, kamen alle sieben Kinder in unterschiedliche Heime oder Pflegefamilien, sodass sie sich teilweise jahrelang nicht sehen konnten oder durften. Erst, als unsere Zeitzeugin schon lange erwachsen war, konnte die Familie wieder ganz vereint werden, aber sie haben erst Jahrzehnte später angefangen, über diese Zeit zu reden.

Es war wirklich interessant, diese Geschichte zu hören, weil es damals vielen Familien so erging und wir daran wieder erkannten, was für einen großen Einfluss der Krieg und das dritte Reich auch Jahrzehnte später noch auf so viele Leben hatte. Weil wir uns kaum vorstellen konnten, wie man sich in dieser Situation fühlt und wie es ist, als Familie komplett auseinandergerissen zu werden, stellten wir einige Fragen. Die Zeitzeugin nahm sich aber viel Zeit für uns und beantwortete alle Fragen.

 

Am Abend beschäftigten wir uns anhand von Stationenarbeit mit der „Endlösung“ der Judenfrage, wobei wir anhand von unterschiedlichen Quellen die stufenweise Entwicklung des Judenhasses bis hin zum Judenmord erarbeiteten. Nach dem Zusammentragen der Ergebnisse hielt Herr Neubeck einen beeindruckenden Vortrag über seinen Besuch in Ausschwitz, der zusätzlich mit Bildern gestützt wurde und vielen von uns sehr naheging. Man konnte deutlich beobachten, dass es nach dem Vortrag im ganzen Raum still war und alle diese Informationen und Fotos erst einmal verdauen musste. Anschließend tauschten wir bis spät abends unsere Eindrücke am Lagerfeuer aus und spielten Spiele oder Ähnliches, um auf andere Gedanken zu kommen.