Ysselsteyn 2017 - Tag 1

Gräberpflege und Aufarbeitung des geschichtlichen Hintergrundes

Vom 7. Bis 9. Juli 2017 waren wir mit Herrn Neubeck, Frau Damrath, Frau Rochell und 42 weiteren Schülern der Oberstufe in Ysselsteyn in Venray, Niederlande. Ysselsteyn ist ein kleiner Ort, relativ nah an der holländisch-deutschen Grenze, der etwa 2 000 Menschen beheimatet und größtenteils aus Bauernhöfen besteht. In einem früheren Moor dieses Ortes befindet sich heute die deutsche Kriegsgräberstätte Ysselsteyn. Mit 31 723 Kriegsgefallenen, die hier begraben liegen, handelt es sich um den weltweit größten deutschen Soldatenfriedhof. Das 30 Hektar große Gelände, auf dem der Friedhof angelegt wurde, war früher ein Moor, denn die Niederländer brauchten nach dem zweiten Weltkrieg einen großen, aber nicht unbedingt schönen und eher abgelegenen Ort, an dem sie „den Feind“ begraben konnten.

Am 1. November 1976 übergab die niederländische Regierung die Kriegsgräberstätte Ysselsteyn in die Obhut der Bundesrepublik Deutschland und damit des Volksbundes für Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., der die Anlage seitdem verwaltet und pflegt. Bis heute finden zum Gedenken an die Gefallenen noch jährlich Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen statt. Direkt daneben wurde eine Jugendbegegnungsstätte mit Platz für über 80 Leute erbaut, die Gruppen wie uns die Möglichkeit bietet, sich mit der Geschichte dieses Ortes genauer zu befassen und dafür zu sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit gerät. Zwischen Gräberpflege und der Beschäftigung mit dem 3. Reich so wie gemeinsamen Abenden am Lagerfeuer hatten wir ab und zu Freizeit, in der wir zum Beispiel Volleyball spielen oder ins Dorf gehen konnten.

Tag 1 – Gräberpflege und Aufarbeitung des geschichtlichen Hintergrundes

Nach der Ankunft in der Jugendbegegnungsstätte am Freitag standen erst einmal die Verteilung und das Beziehen der Zimmer an. Nachmittags machten wir uns dann das erste Mal auf den Weg zum Friedhof, wo wir alle zusammen etwa 4 200 Grabsteine, also etwa 13 % der Gesamtanzahl, putzten. Obwohl danach alle müde und verschwitzt waren, sah es für jeden so aus, als hätten wir nur einen winzigen Teil der Kreuze geschafft. Später machten wir eine Führung über den Friedhof. Alle waren beeindruckt und gleichzeitig geschockt von der Menge an kreuzförmigen Grabsteinen, die man sich durch Fotos oder Erzählungen einfach nicht vorstellen kann. Die gesamte Fläche ist mit 800 Metern Länge so groß, dass die hinteren Kreuze irgendwann nur noch wie eine einzige graue Steinmasse aussehen. Noch dazu ist jedes einzelne Kreuz mit dem Namen, dem Geburtsdatum und Sterbedatum des jeweiligen Toten beschriftet, allerdings fehlen häufig ein paar dieser Daten, sodass Lücken gelassen wurden. Auf den Grabsteinen von den ungefähr 6 000 Nichtidentifizierten ist „Ein unbekannter deutscher Soldat“ eingraviert. Es fiel uns allen sehr schwer, uns vor Augen zu führen, dass jedes dieser Kreuze für je einen „normalen“ Menschen steht, der einmal genauso atmete, fühlte und eine eigene Meinung hatte wie wir.

 Wir haben unter anderem gelernt, dass dort auch 87 Soldaten aus dem ersten Weltkrieg und um die 300 Zivilisten im Alter von nur einem Tag bis hin zu 80 Jahren begraben sind. Außerdem waren viele der Soldaten mit 15 bis 18 Jahren bei ihrem Tod genauso alt wie wir jetzt, was alle zu Nachdenken anregte. Solche Lebensdaten auszurechnen, führt einem immer wieder vor Augen, dass im zweiten Weltkrieg jeder leiden musste, der auch nur ansatzweise in der Reichweite der Nazis war, egal, wie alt oder wie unschuldig.

Abends erarbeiteten wir dann in Gruppen die einzelnen Stufen der Machtergreifung durch Hitler und die NSDAP, wobei wir uns an Originaltexten, wie etwa Zeitungsartikeln, aus dieser Zeit orientierten. Währenddessen wurde wieder klar, dass die Partei dabei von überall Unterstützung bekam, um das Volk auf ihre Seite zu holen. So wurde sie etwa in bestimmten Zeitungen als nahezu heldenhaft dargestellt, während es hieß, ihre Gegner seien in Straftaten, etc. verwickelt.