Klassenfahrt der 10er zur Wewelsburg 30.03.2006

Ein Blick in die Vergangenheit


Die Fahrt der Klassen 10b, 10c und 10d ins Kreismuseum Wewelsburg

Ein Lehrer interviewt eine Schülerin der 10. Klasse; ein tatsächlich geführtes Gespräch zwischen mir und meinem Deutschlehrer Herr Sroka nach dem Besuch des Kreismuseums Wewelsburg am 30.03.2006.

R.S.: Nelli, was wusstest du von der Ortschaft Wewelsburg bevor du mit deiner Klasse das Kreismuseum besucht hast? Und wieso ist die Klasse dort hingefahren?

N.S.: Ich habe – wie auch der Großteil der Klasse – die Wewelsburg bereits zuvor besichtigt, allerdings nur die im Mittelalter erbauten Räumlichkeiten. Uns wurde bereits im Unterricht darauf hingewiesen, dass die Burg zur Zeit des Nationalsozialismus als Stützpunkt für die SS gedient hat. Wir hatten jedoch noch keine detaillierten Informationen über die genaue Funktion der Burg und über das benachbarte Konzentrationslager Niederhagen erfahren. Die Exkursion bildete die der Unterrichtsreihe zum Thema „Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“ im Fach Geschichte. Außerdem sollte der Besuch des Kreismuseums als Auftakt der Unterrichtseinheit zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“ im Fach Deutsch dienen.

R.S.: Was hat dich besonders beeindruckt?

N.S.: Ich fand es sehr erschreckend zu sehen, dass selbst in unserer nächsten Umgebung solche unvorstellbaren Geschehnisse passiert sind. Es war schockierend zu erfahren, wie die über 3000 Häftlinge des Konzentrationslagers Niederhagen gefoltert wurden, von denen über 1500 gestorben sind, ohne dass die Bevölkerung aus der Ortschaft auch nur einen Versuch unternommen hat, um diese Menschen zu retten, obwohl die Anwohner von dem Konzentrationslager gewusst haben mussten, da trotz mancher Behauptungen kein Sichtschutz vor dem KZ angebracht war und die Häftlinge zunächst vom Bahnhof durch das ganze Dorf geführt wurden, bevor sie das Lager erreichten. Insbesondere durch den Film, der einen Teil der Führung ausmachte, konnte uns von einigen ehemaligen überlebenden Häftlingen, die von ihren Erlebnissen an diesem Ort des Grauens berichteten, ein Einblick in diesen unrühmlichen Abschnitt dunkler Geschichte gegeben werden..
Zudem hätte ich niemals auch nur erahnen können, welche wahnwitzigen Pläne und Idealvorstellungen Heinrich Himmler, der damalige Führer der SS, gehabt haben musste, der unter anderem vor hatte, das gesamte Dorf rund um die Wewelsburg abzureißen, um in einem Radius von 500 Metern einen Gebäudekomplex um die Burg zu errichten, damit aus ihr eine Art „Kulturzentrum“ für den Nationalsozialismus und insbesondere der SS entstehen konnte. Das Unglaublichste daran war, dass diese Pläne tatsächlich in Gang gebracht wurden, ehe sie wegen den ungeheuren Kosten, die für den Krieg fällig waren, abgebrochen werden mussten. Tatsächlich wurden bereits die ersten Bauern übergesiedelt, um Platz für den neuen Gebäudekomplex zu schaffen, und zahlreiche Räume der Wewelsburg – vor allem die, die im Nordturm befindlich sind – wurden bereits umgebaut, was vor allem von Häftlingen des Konzentrationslagers ausgeführt wurde, von denen viele bei dieser Arbeit oder der dazugehörigen Arbeit in dem Steinbruch auf grausamste Art umkamen. Diese Räumlichkeiten in der Burg haben die Klassen auch besichtigt, wobei mir von diesen Räumen vor allem die so genannte „Gruft“ in Erinnerung geblieben ist, da diese auf abscheulichste Weise die gänzlich menschenverachtenden Selbst- und Weltvorstellung der SS widerspiegelt. Die durchaus treffende Bezeichnung steht für einen kreisförmigen, hohen Kellerraum, in dessen Kuppel eine Abwandlung des Hakenkreuzes eingearbeitet ist, welches – wie aus historischen Quellen eindeutig überliefert wird – eigentlich keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern ein weit verbreitetes, altertümliches Symbol ist, das bereits im antiken Griechenland bekannt war. Die Akustik des Raumes trug zusätzlich zu der nahezu mystischen Atmosphäre des Raumes bei, den Himmler ehemals in vollster Absicht so gestalten ließ, da er sich selbst als einen Verwandten einer ortsansässigen „Hexe“ und als eine Reinkarnation eines früheren deutschen Königs sah und ihm viel daran lag, die „Traditionen“ der Burg, zu denen auch die Hexenverfolgung gehörte, in gewisser Weise fortzuführen. Uns wurde dabei die Möglichkeit gegeben einmal selbst die Akustik zu testen, welche sich dadurch kennzeichnet, dass alle Geräusche die in unmittelbarer Nähe der Wand entstehen, im gesamten Raum an den Wänden deutlich zu hören sind, selbst wenn diese nur leise sind, während im Mittelpunkt nur noch die eigene Stimme deutlich aber fremdartig zu hören ist. Diese Eindrücke lassen erahnen, welche nahezu krankhaften psychischen Veranlagungen Himmler haben musste, um solche Abstrusitäten durchzuführen. Wobei das Schockierendste ist, dass ein solch gänzlich gestörter Mensch tatsächlich eine der höchsten politischen Stellungen unseres Landes hatte.

R.S.: Vielfach nehmen Jugendliche bei Themen um das Dritte Reich und den Holocaust heute vielfach eine Abwehrhaltung ein. Hatte deine Klasse / hattest du den Eindruck, dass das, was dort in Wewelsburg geschehen ist, euch doch etwas angeht?

N.S.: Obwohl die fürchterlichen Ereignisse auf der Wewelsburg zum Glück nicht mehr der Gegenwart angehören, war diese Exkursion für unsere Klasse sehr wichtig. Denn auch die heranwachsende Generation sollte stets an dieses dunkle Kapitel der Vergangenheit erinnert werden, damit die verheerenden Dinge, die mit unserer Geschichte - neben den vielen positiven Phasen - verknüpft sind, nicht in Vergessenheit geraten, zumal wenn in absehbarer Zukunft auch die letzten verblieben Zeitzeugen nicht mehr unter uns weilen, um uns daran zu erinnern und uns zu mahnen, dass dies erneut stattfindet. Meiner Meinung nach war es vor allem wichtig, die direkten Überbleibsel aus dieser Zeit zu sehen, um zu erkennen, dass unsere Vergangenheit, die wir sonst nur in der Theorie aus dem Unterricht kennen, selbst in einer Ortschaft ganz in der Nähe präsent ist und hier Menschen umgebracht wurden für „Verbrechen“, die laut unserem heutigen Grundgesetz zu den natürlichen und selbstverständlichen menschlichen Rechten gehören, wie etwa die Glaubens- und Meinungsfreiheit.

R.S.: Wir beide sind nach 1945 geboren und sind für die Gräueltaten nicht verantwortlich im Sinne persönlicher Schuld; dennoch ist uns allen die Vergangenheitsbewältigung aufgetragen. Wirken die Geschehen, die in der Zeit der NS-Diktatur und während des Holocaust passiert sind in eurer Generation (noch) nach?

Es bestehen immer noch tief greifende Vorurteile in der Gesellschaft; so wissen beispielsweise manchmal weniger gebildete Personengruppen im Ausland bis heute nicht, dass die NS-Diktatur der Vergangenheit angehört. Darüber hinaus gibt es auch heute noch rechtsextreme Gruppen und Neonazi-Bewegungen in unserem Land, die die Untaten im NS-Regime verharmlosen oder gar den Holocaust leugnen wollen. Doch von diesen Extremfällen abgesehen binden uns auch heute noch einige Dinge an die damaligen Ereignisse: Beispielsweise haben zahlreiche Schüler aus unserer Klasse Verwandte, die diese Zeit miterlebten und durch diese geprägt wurden - zu denen auch manche Kriegsgefangene gehören -, denen es teilweise heute noch schwer fällt über das Geschehene zu reden und zu berichten. Ebenso gibt es auch heutzutage leider immer noch antisemitistische Tendenzen in der Bevölkerung. Man kann also sagen, dass dieses Zeitalter selbst in die Erziehung unserer Generation hineingewirkt hat. Umso wichtiger ist es das Moralempfinden der Jugendlichen zu stärken um die Auswirkungen dieser Schreckensherrschaft endgültig zu überwinden und auch in den zukünftigen Generationen dafür zu sorgen, dass sich diese Ereignisse nicht in irgendeiner Form wiederholen.

Fotos: Swen Buschfeld
Interviewpartner: StD Rainer Sroka, Nelli Schachtschneider
Gestaltung: Nelli Schachtschneider