2006/2007 Melbourne

12 Monate in Melbourne, Australien:
 The time of my life

Wie kommt man auf die Idee für ein Jahr ans  andere Ende der Welt zu reisen? Um ehrlich zu sein, am Anfang wusste ich das auch nicht so genau. Als das Thema zum ersten mal in Klasse 9 angesprochen wurde, habe ich mich noch nicht einmal sonderlich dafür interessiert, doch als ich dann auch das Angebot bekam, die 11 sowieso zu überspringen, was für mich eigentlich nie in Betracht kam, habe ich doch noch einmal genauer darüber nachgedacht. Meine Eltern waren vor Jahren schon einmal für 2 Wochen in Australien, und die Eindrücke, die diese wieder mitbrachten, waren umwerfend; ich wusste, da will ich auch mal hin. Nach einigem Hin und Her, und nachdem ich mich noch bei einigen Organisationen umgehört hatte, entschied ich mich schließlich doch (etwas zum Entsetzen meiner Mutter) dafür, ein Jahr "Down Under" zu verbringen. Formulare über Formulare wurden ausgefüllt, und danach begann das Warten. Zwar gab es noch ein Vorbereitungstreffen mit "Returnees" in Berlin und jede Menge Informationen, aber ansonsten erst einmal nichts. Obwohl die angehenden "Australier" normalerweise früh über eine Gastfamilie Bescheid bekommen, mussten wir doch lange warten, und meine Mutter wagte schon zu hoffen, dass ich doch nicht dieses in ihren Augen verrückte Unternehmen starten würde. Doch eines Tages kam der Anruf der Organisation, und es stand fest. Von da an gab es für mich kein Zurück mehr. Noch hatte ich einige Wochen Zeit die letzten Vorbereitungen zu treffen und noch ein wenig Kontakt zu meiner Gastfamilie aufzubauen.

Am 29.06.2006 sollte es dann für mich losgehen. Der Abschied war schon ziemlich schwer, schließlich war das ja schon eine lange Zeit, und Australien ist ja auch nicht gerade um die Ecke. Meine Eltern brachten mich noch nach Frankfurt, von wo aus ich die knappe 24-stündige Reise antreten sollte. Zunächst einmal musste unsere Gruppe aber noch genau 24 Stunden im Frankfurter Sheriton warten, weil das Flugzeug eine Panne hatte. Immerhin konnten wir das Spiel Deutschland-Argentinien noch live auf der Leinwand im Hotel sehen. Nach einem 4-sündigem Aufenthalt in Singapore kamen wir auch wohlbehalten am 02.07.2006 morgens um 6 Uhr in Melbourne an, von wo ich dann von meiner Gastmutter Colleen abgeholt wurde. Wir mussten jedoch erst noch auf meine japanische Gastschwester Miki warten, die eine Stunde später aus Japan ankommen sollte.

Dies sind meine Gasteltern Colleen und Kevin

Hier kann man Stuart, Miki und mich sehen

Zu meiner Gastfamilie an sich: Meine Gasteltern, Colleen und Kevin, waren beide schon etwas älter, was aber mir nichts wirklich ausgemacht hat, denn sie gaben sich beide noch sehr jung, was manchmal echt lustig wurde. Neben meiner japanischen Gastschwester Miki, die nur bis November bei uns blieb, gab es noch Colleens leibliche Kinder Stuart (18) und Lauren (21). Am besten kam ich aber mit Miki und meinen Gasteltern klar, da die anderen beiden kaum zu Hause waren. Gewohnt haben wir in Carrum, einer kleinen Suburb von Frankson, was wiederum zu Melbourne gehörte. Carrum liegt direkt am Strand zur Port Phillip's Bay. Ich musste sogar nur 5 Minuten laufen, um an einem klasse Strand zu sein.

Sonnenuntergang an dem Strand 5 Minuten von meinem Haus

An meinem 3. Tag in Australien ging es dann schon in die Schule.
Die öffentliche Frankston High School ist wirklich schon eine klasse Schule. Sie hat jeweils einen Campus für die "Juniors" und "Seniors". Da ich ins 2. Halbjahr der 11 kam, als ich ankam, gehörte ich zu den Seniors. Am ersten Tag hat meine Betreuerin Donna Hardings mich zuerst angemeldet, Fächer wurden gewählt, wobei das einzige Pflichtfach Englisch war, was bei mir sogar noch mit ESL (English as second Language) getauscht wurde. Nach der Wahl der Fächer wurden Schuluniformen besorgt, und danach ging es bereits eine Stunde in den Unterricht. Die Gastfreundschaft war wirklich unglaublich. Alle waren sofort hilfsbereit, und auch die Lehrer haben mir gleich zu verstehen gegeben, dass sie mir gerne überall helfen würden. Generell muss ich sagen, dass das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern mir dort um einiges besser gefällt, was mir besonders in meinem 2. Halbjahr aufgefallen ist, welches ich in deren Abschlussjahr gemacht habe. Das Verhältnis ist um einiges entspannter und freundschaftlicher, aber auch hilfsbereiter. Für die Lehrer ist es selbstverständlich, in jeder Pause oder Freistunde für die Schüler ansprechbar zu sein oder sogar extra Unterrichtsstunden zu organisieren. Diese können nach der Schule während der 50 Minuten Mittagspause oder in Freistunden stattfinden. Und selbst in deren Freizeit haben die Lehrer teilweise angeboten zu helfen, indem sie Telefon- und Faxnummern den Schülern gaben, sodass diese Fragen stellen konnten, wenn sie mit den Hausaufgaben nicht mehr weiterkamen. Dieses Verhältnis ist mir hier in Deutschland noch nie begegnet und ich vermisse es sogar.

Generell ging die Schule meistens von 8-15:15 Uhr in der 11. In der 12 hatte man 3 Stunden weniger. Es gab 2 Pausen, eine 20 min und die zweite wie gesagt die 50 Minuten Mittagspause, wo man in der Cafeteria auch warm essen konnte (jedoch dann hauptsächlich "Junk Food"). Zudem hatte noch jeder Schüler seinen Locker, um Sachen zu verstauen und einen Schülerausweis, der gleichzeitig als Büchereiausweis diente. An meiner Schule gab es eine ganze Menge Austauschschüler, oder besser gesagt Internationale, denn die meisten sind nicht zu einem Austausch da, sondern sind für 1-3 oder auch mehr Jahre nach Australien gekommen, um ihren Schulabschluss zu machen. Dies ist besonders üblich bei  den Japanern und Chinesen, von denen wir am meisten hatten. Nach der Schule ging man meistens mit Freunden noch in die Stadt (Frankston, nicht Melbourne), ins Kino, zum Strand oder hat sonst noch etwas unternommen. Die eigentlichen Events fanden jedoch am Wochenende statt. Man traf sich mit Freunden, ging nach Melbourne (immerhin noch eine knappe Stunde mit dem Zug), oder meine Gasteltern nahmen mich irgendwohin mit, um mir die Umgebung zu zeigen.

Meine ESL-Klasse am Abschluss der 11

Der größte Unterschied zwischen Australiern und Deutschen, der mir aufgefallen ist, ist deren Gastfreundschaft und Freundlichkeit gegenüber Fremden. Man kann auf die meisten Leute einfach zugehen und sie nach irgendetwas fragen, und man wird in den allermeisten Fällen freundlich und hilfsbereit empfangen. Die Australier sind auch  um einiges relaxter als wir Deutschen, was so viel bedeutet, als dass sie sich nicht so viele Sorgen machen und vieles lockerer sehen. Auf der anderen Seite ist es schon merkwürdig, dass die Australier keine starke Bindung zu ihrem Zuhause haben. Meine aus Neuseeland stammende Gastmutter hatte mit dem Haus, in dem ich wohnte, bereits das dritte Heim; und obwohl sie und ihr Mann sehr viel Arbeit in den Ausbau und die Renovierung des Hauses gesteckt hatten, bestand nahezu keine Scheu, bei der nächst besten Gelegenheit wieder umzuziehen. Auch ist der Kontakt zu den Nachbarn nicht sonderlich stark. Z.T. kennt man nicht einmal den Namen der Nachbarn, die zwei Häuser weiter wohnen.
Entfernungen spielen ebenfalls eine andere Rolle. Für die Australier ist es nicht ungewöhnlich mehrere Stunden zur Arbeit zu fahren, und somit haben wir auch oft Tagesausflüge gemacht, wo wir mehrere Stunden für eine Wegstrecke gebraucht haben.

Neben der Schule hatte ich noch einige Highlights während meiner Zeit, die vor allem im Erkunden des Landes lagen.
Schon in den Frühlingsferien (Anfang Oktober, ja deren Jahreszeiten sind unseren entgegengesetzt) nahm ich an einer Jugendreise in das Herz Australiens teil, die speziell für Austauschschüler arrangiert war. Zusammen mit einer vielen Deutschen, Italienern, Belgiern etc. aus ganz Australien verbrachte ich 10 lustige Tage. Mit einem Bus fuhren wir von Alis Springs aus durch das Zentrum Australiens und bewunderten umwerfende Landschaften im Herzen Australiens, wie den Ayers Rock und Kings Canyon. Zudem besuchten wir die unterirdischen (bewohnten) Häuser in der Opalstadt Cooper Pedy und kamen über Adelaide zurück nach Melbourne . Wir tauschten unsere bisherigen Erlebnisse aus und hatte sehr viel Spaß. Die unglaublich vielfältige Landschaft Australiens hat es mir da das erste Mal so richtig angetan, und meine neue Camera wurde da das erste Mal so richtig gefordert, auch wenn Bilder die Eindrücke kaum einfangen können.

Vor dem Uluru, auch Ayers Rock genannt

Das nächste Highlight war Weihnachten im Sommer, auch wenn das Wetter an Weihnachten selbst so schlecht war, dass es sogar gehagelt hat. Es war schon leicht komisch in Badehose schwitzend an Schneemännern mit Sonnenbrille und mit Lichterketten überhäuften Häusern vorbeizulaufen. 
Auch Silvester in Melbourne war der Hammer. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Menschen auf einem Haufen gesehen, es war einfach nur überfüllt.

Noch in den achtwöchigen Sommerferien kam mein Vater, und wir haben zusammen sehr viel gesehen. Zuerst besuchten wir Tasmanien, eine kleine Insel südlich von Melbourne, mit einer so vielfältigen Natur, dass es kaum zu glauben ist. Danach hatten wir noch 3 Tage Cairns mit dem Great Barrier Reef  im Nord-Osten Australiens, von wo aus es dann nach Sydney ging um anschließend durch die unglaubliche Landschaft Australiens zurückzufahren. Dies war in vielerlei Hinsicht ein unglaubliches Erlebnis. Die Organisation meinte zwar, es sei nicht gut für mich, wenn ich besucht werden würde, doch als mein Vater wieder fuhr, war ich bereits so gefestigt, dass ich gar nicht mit ihm mit nach Hause fliegen wollte.

Strahan in Tasmanien bei Sonnenuntergang

In meinem 2. Halbjahr standen für mich gleich 2 Schulevents an. Zum einen der Debutant Ball für Year 11. Die Herren mussten alle den gleichen Anzug tragen, und alle Damen trugen ein weißes Kleid, was sehr an Hochzeit erinnert, was ursprünglich auch der Sinn des Balls war. In 10 Tanzstunden wurde uns eine Kür beigebracht, die wir an dem Abend vorstellten. Die Nervosität vor vielen Leuten zu tanzen war schon groß, aber es hat riesigen Spaß gemacht, und nachdem der eigentliche Ball um Mitternacht beendet wurde, wurde woanders weitergefeiert.
Das zweite schulische Event war bereits in meinem letzten Monat. Es war der Year 12 Formal, ein Vor-Abschlussball.  Formell gekleidet wurde am Abend selbst erst gegessen und danach nur noch getanzt und gefeiert. Wir hatten einen unglaublichen Spaß, und als uns die Lehrer um 24 Uhr herauskomplimentieren mussten, gingen wir wieder unsere eigenen Wege zu zahlreichen "After-Partys".
Bei solchen Events lernte man viele Leute von einer ganz anderen Seite kennen, auch weil man diese einmal nicht in ihren Schuluniformen sah. Ich werde diese Events besonders vermissen, da sie der Schule eine besondere Bedeutung gaben.

Adele und ich nach dem Debutant Ball

Treffen bei einem Freund vor dem Formel

Zwischendurch war ich noch mit einer guten Freundin auf einem Trip über die berühmte "Great Ocean Road", wiederum eine Strecke mit unglaublich schöner Landschaft. Dieser Trip ging nur über ein Wochenende, war aber dennoch sehr schön, mit den 12 Aposteln, lauter Wasserfällen, umwerfenden Küstenlandschaften und nostalgischen Sonnenuntergängen.

Das bin ich vor 2 der 12 Aposteln an der Great Ocean Road

Klar, es gab nicht nur gute Zeiten. Die ersten Wochen waren wirklich hart. Das deutsche Schulenglisch hilft beim Verstehen gerade noch, aber beim Sprechen nur mangelhaft. Die Verständigung war somit am Anfang sehr schwer, und zusammen mit persönlichen Schwierigkeiten war es am Anfang nicht leicht für mich, richtig Anschluss zu finden, aber dies wurde von Tag zu Tag besser. Nach einiger Zeit konnte man  sagen, wo man richtige Freunde finden konnte, und nach den ersten Monaten hatte man diese nicht nur gefunden, man hatte sogar schon tiefe Freundschaften aufgebaut. 
Für mich begann die beste Zeit nach ungefähr 3-4 Monaten, und am allerbesten wurde es nach einem halben Jahr, als ich meine leider die noch verbleibende Zeit einfach nur noch genossen habe. 

Nach fast genau 12 Monaten war es leider Zeit für mich zu gehen. Es war wirklich extrem schwer das Leben, das mich so viel gelehrt und mir soviel gezeigt hat, zurückzulassen und dafür in das alte zurückzukehren. Natürlich wollte ich meine Freunde und Familie zu Hause wiedersehen, aber es hätte sehr gerne noch später sein können.
Mit viel zu viel Gepäck, unbezahlbaren Eindrücken und Erfahrungen und der Hoffnung bald zurückzukehren ging es wieder zum Flughafen von Melbourne, von wo aus ich die Heimreise antrat. Ich kann nur sagen, dass dieses Jahr trotz all der Schwierigkeiten die zweifelsohne auch dazugehören, einfach unglaublich gut für mich war. Ich habe die Entscheidung für dieses Jahr nie bereut und würde sie ohne zu zögern jederzeit wieder treffen.

 

In der Bildergalerie gibt es noch weitere Eindrücke

 
Fotos, Text und Gestaltung: Jan Pöppel