2004/2005 USA

Mein Austauschjahr in den USA

Angefangen hatte alles mit einer Informationsveranstaltung vom GSN, in der man über die Möglichkeiten eines Auslandsaufenthaltes und des Überspringens informiert wurde. Für mich war eigentlich schon recht früh klar, dass ich lieber ins Ausland gehen wollte, am liebsten ja nach Schottland, Kanada oder Neuseeland. Allerdings hatte ich zudem noch von dem Angebot zu einem Vollstipendium für einen Auslandsaufenthalt in den USA angeboten durch den Deutschen Bundestag erfahren. Also habe ich mich kurzerhand entschlossen, mich dafür zu bewerben. Nachdem zahlreiche Formulare und einige Kurzaufsätze eingeschickt waren, wurde ich zunächst zu einem Auswahlgespräch eingeladen, in der man zusammen mit anderen Bewerbern diverse Aufgaben wie z.B. die Vorbereitung eines Kurzreferates über Deutschland zu bearbeiten hatte. Ohne sich wirklich ernsthafte Hoffnungen gemacht zu haben, ging man nun wieder nach Hause und fing schon mal langsam an, sich um die Anmeldung zu einem Regulärprogramm zu kümmern. Jedoch kam dann im Januar eine Zusage zum Stipendium und somit war der Entschluss gefasst: Ich würde mich auf eine zehneinhalb-monatige Reise in die Vereinigten Staaten aufmachen. 
Zunächst einmal standen jedoch noch zwei Vorbereitungstagungen, eine davon in Berlin, an, so dass wir recht gut auf unseren Aufenthalt vorbereitet wurden. Schon allein zwei Wochen mit anderen Jugendlichen aus ganz Deutschland zu verbringen, die die gleiche Reise vor sich haben, und seine Meinungen und Erwartungen mit ihnen zu teilen hat mir sehr viel Spaß bereitet. Ich selbst hatte mir im Vorfeld nicht sehr viele Gedanken über meine Gastfamilie oder meine neue Umgebung gemacht und auch keinerlei Erwartungsmaßstäbe gesetzt. Vielleicht wäre das anders verlaufen, hätte ich schon vor meiner Abreise Kontakt zu meiner Gastfamilie gehabt. Stattdessen wurde mir erst kurz vor dem Aufenthalt eine Übergangsfamilie zugeteilt, wobei man mir bei unserem ersten Treffen in den USA mit den anderen Austauschschülern unseres Bezirkes eine neue Übergangs- beziehungsweise meine spätere feste Gastfamilie zuordnete. 

Meine Gastfamilie und ich mit unserem Hund

Während man sich auf dem Flug eher auf den Kontakt mit „alten Bekannten“ von den VBT’s beschränkte, kam man bei dem Aufenthalt im Hotel in New York erstmals mit Austauschschülern aus anderen Ländern zusammen. Nachdem wir dann mit meiner Bezirksgruppe zu unserer ersten USA-VBT nach Findlay, Ohio, gefahren waren, gab man uns dort ein wenig Zeit sich kennenzulernen und wir sprachen über unsere Erwartungen und wie wir uns anfangs in den Familien und anderen gegenüber verhalten sollten. Ein paar Tage später kam dann der spannende Augenblick: Wir würden erstmals die Menschen treffen, mit denen wir voraussichtlich ein ganzes Jahr verbringen; wir warteten angespannt darauf, uns das erste Mal mit unseren Gastfamilien zu unterhalten und in wenigen Minuten würden wir in unser „neues Zuhause“ einziehen. Natürlich haben sich die Austauschschüler schon auf der ersten Vorbereitungstagung ausgetauscht, z.B. wo sie wohnen werden, und ich habe von dem Schweden in unserer Gruppe erfahren, dass er im selben Ort wohnt wie ich. Ebenso sollte ich einen Italiener als Nachbarn haben. Dieser wurde schon früher als ich von einem seiner Gastbrüder abgeholt, mit dem wir einen Stuhlkreis bildeten und ihm verschiedene Fragen zur Schule und so weiter gestellt haben. Doch dann endlich wurde auch ich von meiner Gastfamilie abgeholt. Koffer und Taschen verstaut, machten wir uns auf den Weg nach Bluffton, der Ort in dem meine Gastfamilie wohnt, und schon auf dem Weg über den Interstate machten wir uns ein wenig vertraut miteinander. Als wir dann den Ort erreichten, haben „Mike“ und „Sandy“ mir auch sogleich bei einer kleinen Stadtrundfahrt die wichtigsten Einrichtungen in Bluffton gezeigt. Danach ging es zu dem Haus der „Gleason Family“, welches auf dem Land liegt. Dies stellte zuerst einmal kein Problem dar, doch mit der Zeit wurde klar, dass es als Austauschschüler ohne Führerschein so manches Mal an Mobilität mangeln würde. Dort angekommen, verteilte ich meine Gastgeschenke, und wir aßen zusammen eine typisch deutsche Mahlzeit, die die Familie extra für mich vorbereitet hatte. Später haben meine Gastfamilie und ich dann noch bei Strattons, unseren Nachbarn mit dem Italiener, zu Abend gegessen und sind schwimmen gegangen. Das ganze Jahr über sollte ich mit dieser Nachbarfamilie noch eine Menge Spaß haben. Am nächsten Tag, einem Sonntag, gingen wir gemeinsam in die Kirche. Später bin ich mit meinem Gastbruder Wasserski fahren gegangen. Alles in allem denke ich, dass ich einen sehr guten „Einstieg“ in mein neues Leben in den USA hatte, obwohl es mit der Zeit, in der Ferienzeit auch schnell einmal etwas langweilig und einfältig wurde, da alle Familienmitglieder berufstätig waren. 

 

Einige meiner Freunde und ich gekleidet in den typischen "Caps and Gowns" nach der Graduation Ceremony

Dafür war mein erster Schultag umso aufregender: Man wechselt für fast jede Unterrichtsstunde den Klassenraum, hat einen „Locker“, in dem man das Unterrichtsmaterial und z.B. seine Jacke aufbewahren kann und man isst gewöhnlich sein Mittagessen in der schuleigenen Cafeteria. Da ich vorher nur wenige Schüler, den Schulleiter, und 2-3 Lehrer kennengelernt hatte, kam ich mir die ersten Tage ein bisschen verloren vor, nicht zuletzt wegen des ungewohnten Schulsystems und all den neuen Gesichtern. Doch das schlug recht schnell in „Entdeckungslaune“ um: Man lernte schnell neue Leute kennen. Viele davon kamen von sich aus auf mich zu, stellten sich vor, und man kam so locker ins Gespräch. Dennoch hätte ich von vornherein einer Schulmannschaft im Sport beitreten sollen, denn die bedeuten dem Durchschnittsamerikaner in Ohio sehr viel, und es fördert die Freundschaft noch mehr, was mir jedoch erst später bewusst wurde. So vergingen also meine ersten Tage in den Vereinigten Staaten. Doch auch nach dieser Einfindungsphase sollten sich noch viele Unterschiede zwischen unserer und der Kultur der "Amerikaner" herausstellen. Dies ist eine sehr allgemeine Formulierung, denn auch zwischen Nord und Süd, Ost und West herrschen in den USA noch stärkere Gegensätzlichkeiten als bei uns in Deutschland und es ist daher schwer von dem "Durchschnittsamerikaner" zu reden.

Nach einem Eissturm fiel bei uns für 5 Tage der Strom aus

So gab es auch in meinem Fall einige Unterschiedlichkeiten, die sich erst im Laufe der Zeit herausstellten. Einige eher als andere, so zum Beispiel, wie gläubig meine Gastfamilie doch war, und dass sie es daher gerne gesehen haben, dass ich jeden Sonntag mit Ihnen in die Kirche ging, oder wir vor jedem Mittagessen zusammen beteten. Diese extrem bibeltreue Überzeugung zog auch einige andere Einschränkungen mit sich. Außerdem habe ich des Öfteren mit Amerikanern, besonders mit meinem konservativen Gastvater und auch den anderen Austauschschülern über Politik diskutiert und dabei war besonders Bush’s Außenpolitik ein strittiges Thema. Auch die ganze Lebensweise war im Allgemeinen um einiges stressiger; es gab einfach (fast) immer etwas zu tun. Allein die Schule nahm einen Großteil des Alltags ein, da wir bis drei Uhr zwölf nachmittags Schule hatten, und man manchmal danach noch zu Sportveranstaltungen, Training oder AGs ging. Aus diesem Aspekt des „American Way of Life“ lässt sich auch auf Ihre Essgewohnheiten schließen. Die einzige warme Mahlzeit am Tag wird am späten Nachmittag zu sich genommen, und man greift oft auf das so genannte „junk-food“ zurück, wozu Fertiggerichte und Burger von einschlägigen Restaurants wie z.B. McDonalds gehören. Ebenso kann ich behaupten, dass die Einwohner in meinem Ort eine grundlegend verschiedene Einstellung vertraten. Oftmals traf man auf für uns übertriebenen Patriotismus, so haben die Amerikaner z.B. einen Flaggen Codex und sie reden von sich „the greatest nation on earth“ und „blessed by god“. Auch ließ sich immer wieder feststellen, wie sehr sie doch in ihrer eigenen Welt lebten. Angefangen bei den Nachrichten, die meist nur über nationale Themen berichten, kümmerten sich die Leute zumindest aus meinem Ort meist nur um das Geschehen in unserem Ort, unserer „community“, und vielleicht noch um Neuigkeiten in dem Staat Ohio oder sogar den gesamten USA.

 

Ich auf dem Broadway in NYC

Ich glaube, dass der Auslandsaufenthalt unzählige Möglichkeiten bot, andere Menschen kennenzulernen und neue Freundschaften einzugehen, sowie eine andere Kultur von „innen heraus“ zu erleben. 
Höhepunkte dieses Jahres waren vor allem die Treffen mit den anderen Austauschschülern und gemeinsame Fahrten zum Beispiel zum „Amish Country“ und New York City. Man hat jedes Mal etwas über andere Kulturen erfahren und konnte sich über das neu Erlebte austauschen, und das alles über eine gemeinsame Sprache. Natürlich zählten auch die allgemeinen Feiertage in den USA zu meinen besonderen Erlebnissen. So feiern wir beispielsweise kein Thanksgiving, welches ein typischer Feiertag in den Staaten ist, der auch ausschließlich dort gefeiert wird. Auch Weihnachten mit der Bescherung am 25. morgens und andere Familienfeiern werden etwas anders gefeiert als bei uns. Schließlich wären noch unsere zwei Winterurlaube zu erwähnen, in denen wir für einige Tage nach Michigan und New York gefahren sind, und jeden Tag auf der Piste waren.

 Wir unternahmen zwei Ski-Urlaube (Michigan & New York)
...und was dabei passieren kann

Am Ende des Jahres fand dann noch einmal der Höhepunkt schlechthin statt: Prom und Walking Commencement. Prom ist der Abschlussball der 12. Jahrgangsstufe (die letzte an der typischen High School) bei dem man zuerst groß Essen geht, in teuren und polierten Wagen sein „Date“ vor die Tür des Tanzsaales fährt, dann zusammen feiert und sich schließlich noch zur „After-Prom“ trifft, wo man an verschiedenen Spielen und Aktivitäten teilnehmen kann. Unter „Walking Commencement“ versteht man dann die Ausgabe des Abschlusszeugnisses der High School, was mit einer zeremoniellen Festlichkeit und zahlreichen „Graduation Parties“ verbunden ist. 
Alles in Allem kann ich nur sagen, dass mir dieses Austauschjahr sehr viel bedeutet und dass ich eine Menge neuer Erfahrungen sammeln und neue Freunde finden konnte. Diese vergangenen, knapp 11 Monate sind durch nichts zu ersetzen und sie werden mir ewig in Erinnerung bleiben. 
Ich hoffe, dass durch das PPP noch vielen weiteren Interessenten die Chance gegeben werden kann, durch ein solches Erlebnis das Leben anderer und ihr eigenes zu bereichern.

Fotos und Text: Philipp Stamm