2004/2005 Pennsylvania

Mein Jahr in Pennsylvania

Koffer aufgeben, einchecken, Sicherheitskontrolle, warten, dann ins Flugzeug einsteigen, später wieder aussteigen, und dann das ganze noch mal von vorne. Der 22. August 2004 war nicht nur der längste Tag – auf Grund der Zeitumstellung 30 Stunden lang – sondern wohl auch einer der anstrengensten Tage meines Lebens. 
Als ich an diesem Tag ins Flugzeug stieg hatte ich schon einige Vorbereitungen hinter mir. So waren schon ein Jahr vorher Bewerbungsunterlagen auszufüllen, da ich mich für das Parlamentarische Patenschafts-Programm des Deutschen Bundestages beworben hatte, und Auswahlgespräche wurden geführt. So zog sich das Auswahlverfahren bis Anfang 2004 hin, bis ich schließlich zu einem Gespräch mit dem MdB Gerhard Wächter eingeladen wurde, und kurze Zeit später lag eine Zusage auf meinem Schreibtisch. Ab jetzt ging es erst richtig rund. Im wahrsten Sinne des Wortes mussten Berge von Anträgen und Unterlagen ausgefüllt werden, außerdem wurden wir auf zwei verschiedenen Vorbereitungstagungen auf unser Jahr präpariert.
Trotz all der Vorbereitung, die selbst schon eine Herausforderung gewesen war, hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl als ich an diesem sonnigen Morgen ins Flugzeug stieg. Die quälende Länge vor allem des Transatlantikfluges von Frankfurt nach Washington setzte mir besonders zu. Habe ich wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Wie soll ich es nur ein ganzes Jahr lang in einem mir doch fremden Land aushalten? Ungewissheit ist oft die schwierigste Hürde und genau so ging es mir auch. 

meine Gasteltern


Ich war schon überaus erleichtert, als ich nach einem kurzen Aufenthalt in Washington D.C. zwei Tage später endlich meine Gastfamilie kennen lernte. Sie waren sehr freundlich und offen – und im Übrigen auch sehr lebhaft, mit drei jüngeren Gastschwestern und einem 17-jährigen Gastbruder; aber gerade das habe ich das ganze Jahr über sehr genossen. Die ersten drei Wochen lang hatte ich noch Sommerferien, so dass ich mich gewissermaßen schrittweise eingewöhnen konnte. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich mit meiner Gastfamilie riesiges Glück oder, wie sie es sagten, providence hatte. Ich habe mich dort immer sehr wohl und gut angenommen gefühlt. Trotzdem hat es sicherlich zwei Monate gedauert, bis ich mich von meinem Heimweh lösen konnte. 
Dabei hat mir auch geholfen, dass ich ständig beschäftigt war. Von morgens 8:20 Uhr bis 15:15 Uhr dauerte die Schule in Penns Valley, meinem Schuldistrikt im Herzen Pennsylvanias, danach war jeden Tag Training angesagt. In der Herbstsaison habe ich Fußball gespielt, im Winter (-10° C) und Frühling Leichtathletik. Unsere Leichtathletikmannschaft hat nicht nur die regionale Liga gewonnen, sondern war auch bei den Meisterschaften des Bundesstaates vertreten. Und auch die Wochenenden waren mit Football-Spielen der Penn State Mannschaft, Church, Feiern und anderem immer gut ausgefüllt.

Geburtstagsparty


Durch Unterricht und Training habe ich also sehr viel Zeit in meiner Schule, der „Penns Valley Area High School“ verbracht. Meine Schule war mit 800 Schülern für eine amerikanische High School vergleichsweise klein, aber gerade das war für mich wie geschaffen. Auf diese Weise war es von Anfang an sehr einfach, sich zurechtzufinden. Vor allem aber war es sehr viel einfacher, Freunde zu finden, mit denen ich viel Zeit verbracht habe und sicherlich auch ein wenig Unsinn gemacht habe!
Besonders interessant war für mich, dass ich neben den vorgeschriebenen Fächern – Englisch, Mathe und Geschichte – auch Neues ausprobieren konnte. Z. B. habe ich dort Theater, Psychologie und Rhetorik gewählt. 
Interessant war sicherlich auch, den amerikanischen Wahlkampf und die anschließende Präsidentenwahl mitzuerleben. Einige Diskussionen haben auch dazu beigetragen, dass ich die amerikanische Politik vielleicht ein Stückchen besser nachvollziehen kann, auch wenn ich mich sicherlich mit manchen Themen – Todesstrafe ist eines davon – nie werde anfreunden können.


vor dem Lincoln Memorial in Washington D. C.


Meine Familie hat sich unheimlich viel Mühe gegeben, mir auch einiges von anderen Teilen der USA zu zeigen. Im Laufe des Jahres war ich in New York, Alabama, Ohio und Washington D.C.
Kurz vor meinem Rückflug hat meine Gastfamilie eine riesige Abschiedsparty für mich organisiert. Der Abschied ist mir wirklich sehr schwer gefallen. Trotzdem bin ich unheimlich dankbar, denn ich habe so viel erlebt und hinzugelernt. Nicht zuletzt habe ich jetzt sozusagen eine „zweite Familie“ jenseits des Atlantiks, das ist auch eine schöne Vorstellung. Wenn ich im Nachhinein zurückblicke, auf die offenen Fragen, und sogar Angst vor dem, was auf mich zukommen würde, bin ich unheimlich froh und dankbar für dieses einmalige Erlebnis, das mich und sicherlich auch meine Zukunft geprägt hat und prägen wird.

Fotogalerie

Text und Fotos: Michael Meier
Gestaltung: Julia Reinsch