2003/2004 Frankreich

Mein Schulhalbjahr an einem französischen Lycée

Ausblick über die Gegend "Gâtine" und den Fluss "Thouet" (nahe meines Dorfes)

Schon in der achten Klasse hatte ich den Wunsch, einige Monate in Frankreich zur Schule zu gehen und dort in einer Gastfamilie zu leben. Meine Eltern waren natürlich sofort einverstanden und die Suche nach einer geeigneten Organisation für meinen Auslandsaufenthalt begann. Letztendlich hatte ich mich für „EF High School Year“ entschieden. Für die Aufnahme in das Programm musste ich eine umfangreiche Bewerbung schreiben und an einem Auswahlverfahren (Kolloquium in französischer, englischer und spanischer Sprache) teilnehmen. Anschließend hat sich EF um die Anmeldung an einer Schule in Frankreich und die Suche nach einer passenden Gastfamilie für mich gekümmert.

Nachdem alle Formalitäten und Vorbereitungen erledigt waren, ging es am 28.August 2003 endlich los nach Parthenay, eine kleine Stadt in der Nähe von Poitiers.

Vom ersten Tag an habe ich mich in meiner Gastfamilie sehr wohl und wie ein richtiges Familienmitglied gefühlt. Meine „zweite Familie“ bestand aus einer alleinerziehenden Mutter, einem 20-jährigen Sohn, einer 19-jährigen und einer 13-jährigen Tochter. Ich musste mich in eine neue Familie einfinden, die ich aber ganz schnell zu schätzen gelernt habe. Durch sie hatte ich die Möglichkeit einen Teil meines Gastlandes zu erkunden, da wir gemeinsam viel unternommen haben, z.B. einige Wochenenden am Atlantik, aber auch einen Skiurlaub in den französischen Alpen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Frankreich ein Land der Kontraste ist, da ich auf sehr unterschiedliche Regionen mit ihren eigenen Traditionen gestoßen bin.

Kleine Weihnachtsfeier zu Hause bei meiner Gastfamilie

Die Integration in meine neue Umwelt hatte ich mir viel schwieriger vorgestellt, denn ich war sehr positiv überrascht von der besonderen Gastfreundschaft, Offenheit und Herzlichkeit der Franzosen, die mir somit die Anfangszeit erstaunlich leicht gemacht haben. Demnach kann man sagen, dass ich mich sehr schnell in Familie und auch in meine neue Klasse eingelebt hatte. Aber dazu später.

Das Schulleben wird in Frankreich ganz groß geschrieben, was allein schon durch die Tatsache der Ganztagsschule zustande kommt. Der Unterricht findet gewöhnlich von 8.00 Uhr bis 17.30 Uhr statt.

Dort gibt es keine Fächerwahl wie in der deutschen Oberstufe, sondern es wird ein Schwerpunkt gewählt (Sprache und Literatur, Naturwissenschaften, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften); gleichzeitig werden aber in etwa dieselben Fächer wie in Deutschland unterrichtet, nur die Stundenverteilung ist schwerpunktabhängig. Ich hatte mich für den Bereich Sozial- und Wirtschaftswissenschaften entschieden und war in der Klasse „1ère ES2“, die mich sofort in den Klassenverband - 14 Schülerinnen und 10 Schüler - mit einbezogen hat und mir in Anbetracht der anfänglichen Sprachprobleme sehr viel geholfen hat. Meine Erfahrung war es, dass in Frankreich die Schüler sehr viel mehr Zeit für die Schule investieren müssen. Auch bei mir hat sich das hohe Arbeitspensum ausgezahlt. Am Ende meines Aufenthaltes konnte ich sogar das sogenannte "bac blanc", eine Art Abitur-Generalprobe,  im Fach Französisch ablegen.

 

Meine Schule, das Lycée Ernest Perochon, im Zentrum von Parthenay, dem GSN nicht unähnlich

Für die Jugendlichen ist die Schule aber auch eine Möglichkeit, Zeit mit den Freunden und Klassenkameraden zu verbringen, z.B. beim gemeinsamen Mittagessen in der Kantine oder in den Freistunden, da leider das außerschulische Freizeitangebot  etwas eingeschränkt ist. Somit war das Lycée neben meiner Gastfamilie der Mittelpunkt meines Aufenthaltes, weil ich dort schnell viele Kontakte geknüpft hatte. Ich war sehr erstaunt, dass sich innerhalb eines halben Jahres so enge Freundschaften bilden konnten, die auch noch nach meiner Rückkehr Bestand haben. Es war einfach ein wahnsinnig schönes Gefühl, als meine Klasse für mich eine Abschiedsparty organisiert hatte und mir sagte, dass mit mir auch ein Teil der Klasse gehen würde. Ich empfinde es als ein unersetzbares Erlebnis, anfangs unbekannte Leute so sehr in mein Herz geschlossen zu haben, dass am letzten Abend sogar Abschiedstränen flossen.

Meine Klasse trägt mich auf Händen


Geschichts- und Erdkundeunterricht einmal anders: deutsche Weihnachtsplätzchen zum Probieren

Für mich steht auf jeden Fall fest, dass ich schon in den kommenden Ferien nach Frankreich zurückfahren werde.

Ein Auslandsaufenthalt, das heißt nicht nur eine Sprache und eine fremde Kultur erlernen, sondern auch mal das Alltägliche kritisch betrachten und normalerweise selbstverständliche Dinge schätzen lernen. Diese von jedem anders gemachte Lebenserfahrung erweitert in jedem Falle den persönlichen Horizont, auch im wörtlichen Sinne. Da an meiner Gastschule zeitgleich mit mir noch andere Austauschschüler waren, habe ich Jugendliche aus Schweden, Kanada, Mexiko und aus der Schweiz kennen gelernt.

 

Abschließend kann man sagen, dass einige Monate in einem fremden Land in schulischer so wie in persönlicher Hinsicht eine Menge an Lebenserfahrung versprechen und für mich eine Zeit waren, die ich niemals missen möchte.

Ich kann alle, die mit dem Gedanken spielen, in der Oberstufe ins Ausland zu gehen, nur ermutigen, dies in die Tat umzusetzen, denn es ist ein Erlebnis der Extraklasse!!!

 

Un repos dans la neige à la montagne : Einkehrschwung bei einer Skihütte im Haute Savoie

Bildergalerie

Text und Fotos: Lisa Rotter
Gestalltung: Michelle Niestrath