2002/2003 Amerika

Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten...!?

Ein Bericht von Carina Weimann, Jgst. 12



Das dachte ich als ich am 28.08.02, naiv wie ich war, mein Austauschjahr in den USA (MA) antrat. Mit vielen Erwartungen, Hoffnungen und Zielen, aber mindestens genau soviel Angst vor dem was mich im kommenden Jahr erwarten würde, stieg ich nun also in den Flieger Richtung Massachusetts, Fall River, einer 90.000 Einwohner Stadt am Atlantik gelegen, eine halbe Stunden von Boston entfernt.

Falls man mein Umfeld ganz pauschal zusammenfassen will, setzte es sich aus meiner Gastfamilie, der Kirche und der Schule zusammen. Meine Gastfamilie bestand in den ersten 4 ½ Monaten aus meiner Gastmutter und Ngoc, einer Austauschschülerin aus Vietnam. 
Das Haus, in dem wir lebten, war von innen sehr schmuddelig und stand voller Puppen, an die man sich erst mal gewöhnen musste, da man sich die ganze Zeit beobachtet fühlte. Aber wie ich in diesem Jahr feststellte, man gewöhnt sich an vieles... 
Mit meiner Gastmutter gab es immer wieder Probleme, da sie es nicht gewohnt war, mit anderen Leuten zusammen zu wohnen und außerdem ganz andere Ansichten und Erwartungen vom Leben hatte als ich. Aber mit viel Toleranz und Eingeständnissen beiderseits ist es uns gelungen, ohne große Schwierigkeiten ein Jahr miteinander zu leben und auch Spaß miteinander zu haben. Aufgrund dieser Situation war ich sehr dankbar, in den ersten Monaten eine andere Austauschschülerin als Gastschwester zu haben, die in der gleichen Situation war und mich verstand. Ngoc hatte ganz andere Wertvorstellungen und Ansichten als ich sie habe und ich bin mir sicher, dass wir uns beide unter normalen Umständen wenig zu sagen gehabt hätten. Aber so war sie in den 4 Monaten eine richtige kleine Schwester (sie war ein Jahr jünger als ich) geworden und ist mir ans Herz gewachsen.
Leider wechselte sie nach Weihnachten die Gastfamilie, da die Differenzen zwischen ihr und unserer Gastmutter zu groß wurden, unter anderem auch aufgrund ihrer verschiedenen Religionen.



In Amerika hat Kirche noch eine ganz andere Bedeutung als hier und es gibt auch eine Vielzahl verschiedener Religionen. Meine Gastmutter gehört den sogenannten Christen „Assembly of God“, einer Missionskirche an. Vor Amerika zählte ich zu den Christen nur Katholiken und Protestanten. Diese Religion war dagegen den Baptisten ähnlich. 
Wie dem auch sei, als ich das erste mal hinging, war ich begeistert. Kirche machte richtig Spaß. Es wurde viel gesungen und Leute tanzten begeistert mit. Mit der Zeit begann ich das ganze allerdings sehr kritisch zu betrachten, denn manche Dinge kamen mir schon sehr fragwürdig und sektenähnlich vor. 
Für meine Gastmutter bedeutete diese Kirche alles. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie sie reagiert hätte, hätte ich meine Zweifel an diesem Glauben laut ausgesprochen.... Im Laufe des Jahres wurde immer stärker versucht, mir diese Religion schmackhaft zu machen. Es ging sogar soweit, dass sie mir eines Tages mitteilte, sie hätte im Internet recherchiert und herausgefunden, dass wir eine Kirche dieser Glaubensrichtung auch in Deutschland hätten. Da könne ich dann ja ab und zu mal hingehen...

Im Nachhinein ist mir bewusst, dass die allgemeinen sowie die religiösen Differenzen mit meiner Gastmutter ein Grund gewesen wären, die Familie zu wechseln. In den Monaten vor Ort war mir dies nicht so deutlich. Ob ich es bereue nicht gewechselt zu haben? Manchmal wünsche ich mir, ich hätte es getan, vor allem dann, wenn ich andere Austauschschüler von ihrem Jahr schwärmen höre, in dem alles perfekt gewesen zu sein scheint. Aber andererseits denke ich auch, dass ich dadurch viel gelernt habe. Es war wahrscheinlich nicht der einfachere Weg; aber nein, ich bereue nicht, ihn gegangen zu sein.

Der Grund, warum ich nie ernsthaft darüber nachdachte auch die Gastfamilie zu wechseln, lag in der Schule. Es dauerte gut 6 Monate bis ich endlich Freunde in der Schule gefunden hatte und das wollte ich auf keinen Fall aufgeben. Zumal ich in der Schule Gehör fand, wenn ich wieder mal nicht verstand, warum meine Gastmutter in verschiedenen Situationen für mich so unverständlich reagierte. 
Ich ging, wie ca. 3500 andere Schüler auch, auf die BMC Durfee High School. Dabei darf nicht vergessen werden, dass eine High School nur die Jahrgangstufen 9-12 umfasst. Um auch wirklich jedem Schüler genug Aufmerksamkeit zu schenken wurde die Schule alphabetisch in vier Sekretariate geteilt, die dann für jeweils 800 Schüler zuständig waren. 


In MA gibt es bestimmte Vorgaben zur Fächerwahl. So muss man innerhalb seiner High School Zeit eine bestimmte Anzahl von Pflichtfächern belegt haben, ansonsten steht jedem die Fächerwahl frei. Da meine High School wie gesagt sehr groß war bekam jeder neue Schüler ein etwa hundertseitiges Heftchen ausgehändigt, aus dem er sich seine Wunschkurse raussuchen sollte, z.B. auch „Lifesaving“, „Concert Band“, „TV-Production“ oder „Hairstyling“. 
Während eines Halbjahres hat man nur 4 Fächer, die aber 1 ½ Stunden täglich. Nach der Schule wurden verschiedene Sportveranstaltungen angeboten, wobei ich auch hier pro Saison zwischen 4 oder 5 Sportarten wählen konnte. Um in ein Team aufgenommen zu werden mussten sich alle Anwärter erst in sogenannten „Try-Outs“ beweisen. War man dann ins Team aufgenommen, hatte man von nun an 6 mal die Woche 3 Stunden Training. Es wird zwar sehr darauf geachtet, dass sich dabei keiner körperlich überanstrengt, aber es wird tagtäglich von Coach und Team-mates erwartet, dass man an seine Grenzen geht. Sind die Noten zu schlecht darf man in keinem Sportteam sein. Das führte bei so manchen dazu, dass sie sich richtig um die Verbesserung der Schulleistungen bemühten, um an diesem Teamgeist in den einzelnen Teams teilhaben zu dürfen. 
Eine große Schule hat viele Vorteile, aber auch Nachteile. Ein ganz großer Nachteil für mich war, dass ich „total darin unter ging“. Es interessierte niemanden, dass da eine Austauschschülerin war. Warum auch, sie selbst kamen doch schon aus den unterschiedlichsten Kulturen, da war ich nichts Besonderes. Das machte mir den Anfang sehr schwer und es dauerte gut 6 Monate, bis ich endlich Anschluss gefunden hatte, obwohl ich von vornherein immer im Sport aktiv war. 
Unterstützung fand ich in den ersten sechs Monaten vor allem auch bei dem für mich zuständigen stellvertretenden Direktor, wie auch den Lehrern. Nicht nur für mich sondern auch für andere Schüler hatten sie immer ein offenes Ohr. So hatte ich als Schülerin das Gefühl wirklich ernst genommen zu werden. 
Das habe ich in Amerika sehr zu schätzen gelernt. Dort wird jeder wegen seiner Person geschätzt und geachtet und nicht im geringsten aufgrund seiner Noten. Um Schüler mit besonders guten Noten auszuzeichnen gibt es die sogenannte „National Honor Society“, in der diese dann aufgenommen wurden, wobei es sich dabei nicht um Streber handelte. Man wirft den Amerikanern oft vor oberflächlich zu sein. Ich möchte es anders ausdrücken: Viele Amerikaner sind einfach freundlicher, lebenslustiger und sparen nicht mit Komplimenten. In der Schule habe ich die meisten und auch viele der schönsten Stunden meines Austauschjahres verbracht und ich weiß, dass sich das für viele total widersprüchlich anhört, aber in den USA bedeutete Schule für mich nicht lernen sondern nur Freude.



Es ist unmöglich Eindrücke und Erfahrungen aus einem Jahr auf 2 Seiten zusammenzufassen. Je häufiger ich diesen Text lese, desto mehr Dinge fallen mir ein die ich noch erzählen könnte. Aber wer darüber nachdenkt, sich selbst einmal das Abenteuer Ausland einzulassen, und noch Fragen hat, kann mir gerne mailen: Carina.Weimann@web.de  

Mittlerweile bin ich seit nunmehr 5 Monaten wieder in Deutschland, was am Anfang wirklich nicht einfach war. Wie viele andere Austauschschüler auch erwartete ich viel, als ich zurückkam. Zu viel! 
In dem Jahr in Amerika erschienen mir die Dinge die ich vermisste sehr viel „besser“ als sie dann wirklich waren, ohne damit das Leben hier in irgendeiner Form abwerten zu wollen. Somit musste ich am Anfang einige Enttäuschungen wegstecken. Dies wurde durch das Wissen, auf der anderen Seite des Ozeans tolle Erfahrungen gemacht zu haben, natürlich nicht einfacher, denn nun wird die Zeit dort hinten auf einmal überbewertet... 
Mittlerweile ist das vorbei! Ich habe mich wieder gut eingelebt und ich wache nicht mehr jeden Morgen mit dem Bedürfnis auf, meine amerikanischen Freunde anzurufen und ein bisschen Englisch zu sprechen. Aber es gibt immer noch Tage, an denen ich mir die Fotos aus meinem Austauschjahr in meinem Zimmer angucke und wünschte, ich wäre wieder dort. Amerika ist nicht das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Für mich war es als Austauschschüler für ein Jahr aber das Land, in dem ich für diese Zeit frei von meinen hiesigen Pflichten und dem Leistungsdruck war. Ich war in dem Sinne einfach nur frei.

Um abzuschließen: Ich hatte mir eine Familie, wenn möglich mit einer gleichaltrigen Gastschwester und eine kleine Schule gewünscht. Ich kam zu einer alleinstehenden Dame und auf eine riesige Schule... ich weiß, es ist nicht einfach, aber am Besten man hat keine Erwartungen. So kann man sich die ersten Monate der Enttäuschung sparen und direkt anfangen, Positives in den noch so negativ zu scheinenden Situationen sehen.

Hatte ich ein perfektes Jahr? Nein ganz bestimmt nicht, aber mal ehrlich: Gibt es das überhaupt? Ja sicher, es gibt Austauschschüler, die hatten ein tolles Jahr und es gibt auch viele, die viel größere Herausforderungen überwinden mussten als ich. Es war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Doch ich würde nicht eine Sekunde sagen, dass ich es bereue, dort gewesen zu sein. Im Gegenteil: ich habe viel gelernt und möchte die guten wie auch schlechten Zeiten auf keinen Fall missen.

Also, falls ihr gerne andere Kulturen kennen lernt - TRAUT EUCH.


geschrieben und erlebt von: Carina Weimann
Schlussredaktion. Eva Nicolin-Sroka