2001/2002 Australien

No Longer DownUnder

Ein Vierteljahr in Australien

Ein traumhaftes Leben hatte ich: Eine tolle Familie, die besten Freunde, ich war gesund und munter, gerade meinen Realschulabschluss gemacht, hatte soo viel Spaß, und vor allem: Ich war einfach glücklich - hier in Paderborn.
Kann einer so dumm sein und sich überlegen, dieses Leben ja auch mal einfach so verlassen zu können?! Na ja, die kleine Heike - das bin ich - die war so dumm: Sie sagte einfach "Tschüss" (Kommt einem etwas wenig vor - Nichts, als ein kleines Tschüss; Aber was soll man denn sonst sagen?), drehte sich um und ging weg. Etwa 15000 km weit weg - für ein halbes Jahr. Lässt alles zurück, alles, um irgendwo hin zu gehen, ganz alleine, wo sie nichts und niemanden kennt. Ganz alleine, die kleine Heike. Und alles was sie mitnimmt ist ein kleiner Koffer mit 20 kg (20 kg - da muss man Prioritäten setzen: Ich habe mich gegen die Schulbücher und für die Fotos von zu Hause entschieden). 20 kg - sonst nichts.

Es war ein langer Flug: Fast 3 Tage: Paderborn - Frankfurt - Singapur - Sydney - Albury. Und dann war ich da: DownUnder. Voller Erwartungen und Neugier. Ich wurde von meinen Gasteltern abgeholt... Das war ein komisches Gefühl: Ich blickte den Leuten in die Augen, die, so hatte irgendjemand für uns entschieden, für eine ganze Zeit meine Eltern spielen sollten.


Ich wurde sofort in den Arm, und auch, so schien es, ins Herz geschlossen - bedingungslos, wie Eltern nun mal sind.
Bis zu diesem Punkt war ja alles ganz lustig gewesen, bis...ja, bis die dann plötzlich anfingen, zu reden! "Englisch reden die da" hatte man mir erzählt - Englisch - von wegen! Australian - und sonst nichts! Und wer glaubt, dieses sei dem Englischen ja sehr ähnlich, der hat noch nie meinen Gastvater, den wahrscheinlich echtesten Aussie in ganz Australien, reden gehört! Also kurzum: Ich habe kaum ein Wort verstanden. Dazu kam die Müdigkeit des Jet-Lacks (und der Vielen Goodbye-parties J ), so dass ich mich erst mal todmüde in mein neues Bett fallen ließ und zwischen verwirrten, herumschwirrenden Gedanken einschlief. Als ich aufwachte und in die Küche kam (Ja, ich habe meinen Weg gefunden!), wurde ich schon mit einem Lächeln erwartet. Mir wurde ein Keks angeboten und er schmeckte fantastisch! Irgendetwas musste dieser Keks an sich gehabt haben, denn in einer Weise ließ er mich all das, was ich damals um mich rum sehen konnte, als mein neues zu Hause akzeptierten. Die ersten Tage waren völlig verwirrend: Tausend neue Gesichter, denn auch wenn unsere kleine "Stadt" Yarrawonga nur 4600 Einwohner hatte, kam es mir so vor, als hätte ich die Hälfte davon innerhalb der ersten 5 Tage kennen gelernt. Und dann natürlich die Sprache: Was ist eine fotnight? Warum isst man Fleisch und Kartoffeln zum "tea"? Aber meine Gasteltern haben mir alles bereitwillig erklärt und gezeigt, so dass ich mich bald ganz zu Hause fühlte. Und dann fing auch schon die Schule an: Die Lehrer waren ausnahmslos alle sehr nett und zuvorkommend. Auch die Schüler waren sehr nett, allerdings auch etwas unsicher - wie man selber.


Es ist ein sehr komisches Gefühl: Alle kennen sich untereinander, und es gibt doch sicher irgendwelche Cliquen? Aber wer gehört zu wem, und wo ist die Clique, in die man selber reinpassen würde? Aber das alles findet man sehr schnell heraus. Fast alle wollen und versuchen, einen kennen zu lernen. Man probiert einfach alles aus und bald findet man sich ziemlich gut zurecht.
Das gilt übrigens für alle Bereiche: Man probiert einfach alles aus. Tja, und so ging die Sache ihren Lauf: Die 1.Party, man lernt sich besser kennen, und besser und besser, wird zu richtig guten Freunden usw...
  Und sogar mit der Sprache kommt man leichter zurecht: Man muss immer weniger nachfragen, schnappt Worte auf, und irgendwann - kaum zu glauben - nimmt man sogar etwas diesen seltsamen Akzent auf (kommt darauf an, wie lange man dort bleibt). Dabei geht es die ganze Zeit rauf und runter: Zwischen Heimweh und Depressionen (z.B., weil man sich nicht an einem Gespräch beteiligen kann) und überglücklichen Ich-will-hier-nie-wieder-weg-Gefühl.
Während meiner Zeit dort habe ich wahrscheinlich viel bewusster gelebt als zuvor: Man merkt jede kleinste Entwicklung, lernt jeden Tag etwas Neues (darunter nicht selten auch etwas Neues an sich selber) kennen und so weiter...
Die Schule? Tja, man sieht sie eher als Möglichkeit, Leute kennen zu lernen und Freunde zu treffen, als um etwas zu lernen. Ob es einfacher ist? Ja, könnte man wohl sagen. Aber man hat auch einfach eine ganz andere Einstellung zur Schule.

Apropos anders: Anders ist da unten so ziemlich alles: Nicht nur die Klospülung und der Schlüssel zum Abschließen gehen andersherum. Man merkt eben auch zahlreiche kulturelle und naturelle Unterschiede:
Das trockene heiße Klima,
die wunderschönen Landschaften,
die Koalas, Kängurus, Wombats, Schlangen, die Vögel etc.,
die vielen kleinen Käffer mit 300 Einwohnern,
meilenweit unbewohntes Land,
das unbeschreibliche Lebensgefühl: "Ach, ja, passt schon".


Das alles im Detail zu berichten würde den Rahmen sprengen, aber um eines herauszugreifen: Der 11. September: Wie in Deutschland auch lief auf allen Fernsehsendern nur noch das Eine, und auch die Zeitungen waren voll davon. Aber - ob es an Australien lag, oder daran, dass es ein so kleines Kaff im Irgendwo war, in dem ich gelebt habe - soo groß wie in Deutschland war die Aufregung nicht: Keine Schweigeminute in der Schule, keine Paniken um den 3. Weltkrieg (Wann war ein Weltkrieg denn schon mal direkt nach Australien gekommen?) und das anstehende Football-Grand-Final wurde von den Geschehnissen auch nicht in den Schatten gestellt.
 Na ja, und irgendwann dann - viel zu bald - kommt schon die Zeit, wo man anfangen muss, Tschüß zu sagen - wieder mal. Doch diesmal für länger. Natürlich ist auch eine wahnsinnige Vorfreude auf das zu Hause in Deutschland (denn das in Australien ist genauso mein zu Hause geworden, wie dieses) mit dabei, doch der Hauptgedanke war doch: "Es war vieieieieieieil zu kurz. Es gibt noch soo viel zu machen. Gerade jetzt, wo es am Schönsten ist, gerade anfängt, seine Freunde so richtig gut kennen zu lernen, sich doch soo zu Hause und pudelwohl fühlt..."


Na ja, weg muss man eben trotzdem. Aber mitnehmen tut man viel mehr als man mit hin genommen hatte: Nicht nur, dass die 20kg durch etwa weitere 20kg Vorausgeschicktem erweitert wurden; Die Erinnerungen, Eindrücke, Erfahrungen und Freundschaften bleiben - für immer. Man sieht vieles aus einer anderen Perspektive - eben ein bisschen wie jemand, der weiß, wie es am anderen Ende der Welt aussieht - eben ein bisschen... AUSSISCH!
Als ich dann wieder nach Deutschland kam, war die erste Frage meist: "Und, wie war's?" Und alles was ich sagen konnte (mit einem breiten Dauergrinsen auf dem Gesicht), war: "Toll!"

 

Text: Heike Schubert, Jgst. 11
Gestaltung: Tobias Böger, Eva Nicolin-Sroka


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