Schülerakademie 2002 der Werner-Gehring-Stiftung

Schülerakademie 2002 der Werner-Gehring-Stiftung

„Fremdes vertraut machen: Mit Sprachen zur Kultur“ Das war das Motto der Schülerakademie, für die ich von der Schule angemeldet worden war, und die in der letzten Sommerferienwoche in Stapelage (Nähe Detmold) stattfinden sollte. Außer ein paar Informationen zum Thema und einem Zettel mit dem Programm, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete. Sieben Tage lang sollten insgesamt 60 fremdsprachlich besonders begabte Schülerinnen und Schüler in Arbeitsgemeinschaften, unter der Leitung von erfahrenen Dozenten, zusammenkommen und intensiv arbeiten, um am Ende der Woche in einer Abschlussveranstaltung das Gelernte vorzutragen. 

Meine Befürchtungen um ein Treffen von lauter jungen Genies, unter denen ich völlig fehl am Platze wäre, bewahrheiteten sich nicht, im Gegenteil, ich hatte es mit lauter netten und aufgeschlossenen Schülerinnen und Schülern zu tun, von denen die meisten sogar die gleichen Bedenken gehabt hatten wie ich. Sowohl mit den Akademieteilnehmern, als auch mit den Dozenten, konnte man sich vom ersten Moment an sehr gut über die verschiedensten Themen unterhalten.

Diskussion sogar bei den Mahlzeiten


Fünf Arbeitsgemeinschaften standen bei der Anmeldung zur Auswahl:

·        AG 1 – „Wie kommt der Mensch zur Sprache und was macht er damit?“

·        AG 2 – „Mehrsprachigkeit im Mittelalter: Von der lateinischen zur volkssprachlichen Schriftkultur“

·        AG 3 – „Vereinigte Staaten von Amerika – Geschichte und Gesellschaft“

·        AG 4 – „Wird die Kultur zum Opfer der Wirtschaft?“

·        AG 5 – „Kreatives Schreiben in fremden Sprachen“

Ich hatte mich für AG 1 entschieden, denn das Thema interessierte mich auf Anhieb am meisten.


Für mich persönlich war die Arbeit in der AG sehr bereichernd und viel besser als Schulunterricht, da sowohl Lehrer als auch Schüler hoch motiviert waren und somit sehr viel geschafft werden konnte. Unsere AG war zweigeteilt. In den ersten drei Tagen erzählte uns Privatdozent Dr. Dr. Horst M. Müller von der Universität Bielefeld etwas über die evolutionsbiologischen, kognitionswissenschaftlichen und neurolinguistischen Aspekte der Sprache. Konkret heißt das: Wir stellten die Frage: „Was ist Sprache?“ Dazu sprachen wir zuerst über Kommunikation im Allgemeinen und dem Unterschied zu den Tieren. Über die Frage „Was ist Kognition?“ und den Zusammenhang zwischen Sprache und kognitiver Intelligenz, gelangten wir zur Evolutionsbiologie, erarbeiteten die Entstehung der Vielzelligkeit von Lebewesen und damit des Zentralen Nervensystems. „Wann ist Sprache entstanden?“ war unsere nächste Frage. Auf zwei unterschiedlichen Wegen gelangten wir zu einer Antwort. Einmal gingen wir von der Gegenwart aus und in der Zeit zurück, einmal betrachteten wir die Entstehungsgeschichte der Menschheit von Beginn an. Auf diese Weise konnten wir den Zeitraum der Sprachfindung auf einige 100.000 Jahre eingrenzen und sagen: „Sprache ist mindestens 70.000 und höchstens 800.000 Jahre alt.“ Schließlich sprachen wir noch über Neurolinguistik, d.h. wo und wie entsteht die Sprache im Gehirn, wie kann man gehörte Sprache verarbeiten und was ist ein Gedächtnis?

AG 1 mit Privatdozent Prof. Dr. Müller


Unser Professor erklärte uns all diese Dinge hervorragend (mit Hilfe von PowerPoint und Videos) und so interessant, dass ich gar nicht merkte wie die Zeit verging. Zusätzlich erwähnte er noch einige faszinierende wissenschaftliche Phänomene oder private Erlebnisse, die nicht direkt etwas mit Sprache zu tun hatten. Also keineswegs „trockener“ Unterrichtsstoff. Als die drei Tage mit Herrn Dr. Müller zuende gingen, hatten die meisten AG-Teilnehmer noch tausend Fragen, die leider alle offen bleiben mussten, aber Herr Dr. Müller bot uns an, ihm eine E-Mail zu schreiben.

Die AG-Arbeit änderte sich schlagartig, als wir Herrn Dr. Fritz U. Krause bekamen. Er wollte uns unter der Fragestellung: „Was macht der Mensch mit der Sprache?“ in den nächsten zwei Tagen etwas über Sprachpflege und Sprachlenkung beibringen. In der Sprache gibt es verschiedene Varietäten (Standardsprache, Umgangssprache, Mundart etc.), die man kennen muss, um sie pflegen zu können. Standardsprache wird durch Einführung von Normen gepflegt, die oft dem Sprachsystem widersprechen. Den Unterschied zwischen Norm und System wurde uns anhand von grammatischen Beispielen und Aufgaben, die wir selber lösen mussten, verdeutlicht. Während wir vorher, bei Herrn Dr. Müller, wie in einer Univorlesung einfach zuhörten und uns etwas erzählen ließen, war jetzt aktives Beteiligen und Mitarbeiten gefragt. Über das gerade Gelernte musste jeder nach 7 Minuten Vorbereitungszeit einen Kurzvortrag halten. Wir sollten lernen, uns zu verkaufen, nebenbei zu lernen und uns von Misserfolgen nicht frustrieren zu lassen. Wir lernten Prinzipien der Sprache kennen (Klammerprinzip, Thema-Rhema-Ordnung etc.) und untersuchten einen Fall, in dem sie nicht angewendet wurden. Die deutsche Grammatik war plötzlich nicht mehr langweilig und lebensfremd, sondern tiefgründig und durchschaubar. Als letztes machten wir noch ein praktisches Projekt in der Arbeitsgruppe. Wir bekamen Zettel mit Informationen über verschiedene Gesellschafts- und Menschentypen, von denen wir uns einen aussuchen mussten, den wir in einem Interview karikiert und einseitig darstellen wollten. Hierzu überlegte sich jeder einzelne das Lebensziel seines Typs und versuchte aus verschiedensten Büchern ein Vokabular herauszusuchen, das seine Person verwenden würde. Die Aufgabe war sehr anspruchsvoll, und es erforderte ein gewisses Maß an schauspielerischem Können, den Charakter der Person im Interview überzeugend herauszuarbeiten. „Auch das müsst ihr für die Zukunft lernen: Man muss sich bewusst verstellen können, nur so kann man mit Sprache auch Macht ausüben“, so Herr Dr. Krause.

In der Freizeit boten Studenten, die als Betreuer bei der Akademie mitarbeiteten, ein Sportprogramm und das Einstudieren eines Musicals an. Nachdem wir also am Vormittag und frühen Nachmittag intensiv gearbeitet hatten, ging es direkt nach dem Kaffee mit den Proben für das Musical, das innerhalb einer Woche komplett fertig sein musste, weiter. Wenn man nicht beteiligt war, hatte man bis zum Abendessen Gelegenheit, sich mit den anderen zu unterhalten, zu musizieren oder Sport zu treiben.

 Spaß beim Hockey. Im Hintergrund Haus Stapelage


Um 19.30 Uhr war in der Regel ein Vortrag zum Thema Sprache und Kultur mit anschließender Diskussionsrunde.

Der erste Vortrag wurde von Walter Stich, dem ehemaligen Regierungspräsidenten Detmolds, zum Thema: „Die Bedeutung der regionalen Kulturen in Europa – am Beispiel Ostwestfalen“ gehalten. Auf den ersten Blick schien mir das ein ziemlich langweiliges Thema zu sein, aber was Walter Stich alles erzählen konnte, von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Region, war in Wahrheit höchst interessant, und endete mit einer Diskussion über den Begriff Heimat in unserer heutigen Gesellschaft. Peter-Uwe Witt (Chefdisponent des Landestheaters Detmold) hielt den zweiten Vortrag mit dem Thema: „Das Landestheater – Europas größtes Reisetheater“. Herr Witt erzählte uns viel über das Alltagsleben am Theater, über die Entstehung eines Spielplanes und die Ausbildung zum Schauspieler an der Schauspielschule. Mit seiner lebhaften Erzählweise zog er alle in den Bann und schloss mit den Worten: „Es gibt keinen schöneren Beruf!“ Der dritte Vortrag zum Thema „Frankreich und Deutschland – Ein Kulturvergleich“ wurde von Dr. Dieter Ewald (Leitender Regierungsschuldirektor, Bezirksregierung Detmold) gehalten und befasste sich mit der unterschiedlichen Bedeutung von Literatur in den beiden Ländern. Hierzu wurden auch einige französische Texte vorgelesen und auf die Bedeutung der französischen Sprache für die Zukunft hingewiesen. Für mich als „Nicht-Franzosen“ war das Thema nicht so ergiebig, aber ich kann bestimmt nicht für alle Teilnehmer sprechen. Im letzten Vortrag - gehalten von Herrn Rainer Pfeil (Mitglied der Geschäftsführung von Wincor Nixdorf, Paderborn), mit dem Thema „Interkulturelles Management“ - wurde uns das Unternehmen Wincor Nixdorf vorgestellt. Außerdem erklärte Herr Pfeil uns die Bedeutung des richtigen Umgangs mit Geschäftsleuten aus aller Welt. Hier ist es wichtig, Fremdsprachen (vor allem Englisch) gut zu beherrschen, über eine gewisse Allgemeinbildung zu verfügen, Sensibilität und Respekt für andere Kulturen zu zeigen, sich an bestimmte „Spielregeln“ zu halten und Verhaltensunterschiede zu kennen.

Bei diesem vollen Programm verging die Woche wie im Flug und bald stand schon die Abschlussveranstaltung an. Die Teilnehmer durften ihre Eltern einladen, einiger Schulleiter waren anwesend, sowie der Regierungspräsident Andreas Wiebe, einige Vertreter der Presse und auch Herr Werner Gehring, der Stifter der gesamten Akademie. Denn alles, sogar Unterkunft und Verpflegung (inklusive Getränke) war kostenlos. Bei der Abschlussveranstaltung stellten die Arbeitsgemeinschaften innerhalb von 10 Minuten das vor, was sie in der Woche erarbeitet hatten. Im Anschluss an die Präsentationen führten wir unser halbstündiges Musical auf, das mit tosendem Applaus und „Standing Ovations“ belohnt wurde. Nach einem Mittagsbüffet, zu dem alle Gäste eingeladen waren, wurden nach und nach alle Teilnehmer abgeholt, die Dozenten reisten ab, und die Schülerakademie 2002 der Werner-Gehring-Stiftung war leider schon vorbei.

Ich wäre gerne länger geblieben, hätte gerne mehr gelernt und die neu geknüpften Freundschaften vertieft. Aber ich habe viel von dieser Woche mitgenommen, nicht nur an Fachwissen, sondern auch an Methoden zum Lernen. Ich habe die sonst so alltägliche Sprache zum ersten Mal als etwas Besonderes und Wichtiges für mein Leben kennen gelernt.


Text: Laura Jensen (Jgst.12)

Gestaltung: Torsten Schwärmer und Thorben Schulte (Jgst.7)

Schlussredaktion: Eva Nicolin-Sroka