Philosophische Winterakademie in Münster

„Das Fremde verstehen“ 
Die 4. Philosophische Winterakademie in Münster

Ich war ganz schön überrascht, als ich die Einladung zur 4. Philosophischen Winterakademie in Münster bekam. Ich hatte zwei Monate zuvor am 5. Landeswettbewerb Philosophischer Essay teilgenommen. Dafür musste ich einen drei- bis vierseitigen Text zu einem vorgegebenen philosophischen Zitat verfassen, in dem ich dieses erläuterte, deutete und Philosophiekenntnisse einbrachte.
Und dann erhielt ich die Nachricht, dass ich zu den 25 Schülerinnen und Schülern gehörte, die aus 750 Teilnehmern aus ganz NRW ausgewählt worden waren und als Belohnung die viertägige Winterakademie besuchen durften. Im Rahmen dieser Veranstaltung sollten u.a. auch zwei Schüler bestimmt werden, die im Mai als deutsche Vertreter an der Internationalen Philosophie Olympiade in Seoul (Südkorea) teilnehmen dürfen.
Gespannt, was mich erwartete fuhr ich also mit dem Zug nach Münster. Dort machte ich im sehr komfortabel und freundlich eingerichteten Franz-Hitze-Haus die erste Bekanntschaft mit meinen „Mitphilosophen“. Die Stimmung war von Anfang an locker und ausgelassen, wenn auch am ersten Abend die meisten etwas nervös waren, denn am nächsten Tag sollte jeder erneut einen Essay zu einem Zitat schreiben, aber diesmal in englischer Sprache. Nach dem Kennenlernen und dem Abendessen bekamen wir einige Informationen zum Verfassen von philosophischen Essays, was die Nervosität sogar noch steigerte. Recht bald zog man sich zurück, um sich am nächsten Morgen fit und ausgeschlafen dem Philosophieren widmen zu können.
 


 

Da die Essays am Computer geschrieben werden sollten, fuhren wir mit dem Linienbus zu zwei verschiedenen Häusern, in denen uns jeweils ein Computerraum mit 12 bzw. 13 Rechnern zur Verfügung stand. Die Aufgabenstellung war klar: Verfassen Sie einen Essay auf Englisch zu einem der vier vorgegebenen Zitate. Arbeitszeit: vier Stunden. Auf die Plätze, fertig, los. Ich saß also vor einem Bildschirm, der die meiste Zeit bedenklich flackerte, in einem kleinen, stickigen Raum ohne Fenster mit 11 Anderen und sollte philosophieren. Immerhin durften wir ein zweisprachiges Lexikon benutzen, und sprachliche Fehler wurden bei der Bewertung außer acht gelassen, so dass man sich zumindest um die Sprache nicht allzu viele Gedanken machen brauchte. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten kamen mir dann auch Ideen und schließlich verging die Zeit wie im Flug, so dass mir nach vier Stunden der Kopf brummte und ich noch nicht einmal mehr Zeit fand, den Essay einmal komplett durchzulesen. 
Erleichtert und hungrig machten wir uns nach dem Schreiben auf zum Mittagessen, das in einem Cafè in der Nähe der Innenstadt stattfinden sollte. Leider war es nicht so leicht zu finden, wie wir angenommen hatten und so kamen wir nach einigen Umwegen und doppelten Strecken viel zu spät an. So spät, dass es schon kein warmes Mittagessen mehr für uns gab. Als ich mich schlechtgelaunt mit einem nicht sehr leckeren Salat zu der anderen Hälfte der Gruppe begab musste ich zu allem Überfluss auch noch erfahren, dass sie ihre Essays in einem hellen freundlichen Raum mit vielen Fenstern, an modernsten Laptops geschrieben hatten. Meine Laune hob sich allerdings schnell wieder, als wir nach dem Essen einen historisch-philosophischen Stadtrundgang durch Münster machten und danach bis zum Abendessen Freizeit hatten, die ich mit einigen Mädels zum shoppen nutzte.
 


 

Abends hörten wir einen Vortrag von einem Münsteraner Philosophen von der Uni, der uns unter dem Thema: „Toleranz und Pluralismus: Jenseits des Relativismus“ viel über ethische Fragen der Toleranz und ihre praktische Anwendung erzählte. Die anschließende Diskussion war sehr rege und zeigte deutlich, dass die Schüler motiviert und vor allem am Thema interessiert waren. Zur Entspannung gingen danach einige, darunter auch ich, in eine Kneipe. Bei vielen endete hier allerdings nicht das Philosophieren, es ergab sich also Gelegenheit zu sehr intensiven Gesprächen über persönliche, weltanschauliche, aber auch politische Themen. Aber nicht nur solche intellektuellen Dinge wurden diskutiert, es ging sehr lustig zu, als man sich ein bisschen besser kennengelernt hatte. 

Am nächsten Vormittag hatten wir eine AG zum Vortrag vom Vortag. Dort wurden aktuelle ethische Diskussionen (zum Beispiel der „Kopftuchstreit“) erläutert und versucht die Aussagen des Professors darauf anzuwenden. Nachmittags hielt ein anderer Philosoph einen Vortrag und danach fand eine Feierstunde mit Preisverleihung statt. 
Schon seit dem Essayschreiben wurde unter den Teilnehmern gemutmaßt, wer denn wohl „was drauf hat“, wer unter die ersten fünf kommen würde und wer wohl nach Südkorea fliegen würde. Jetzt wurde es richtig spannend. Nach viel Herzklopfen, ein bisschen Enttäuschung bei manchen, aber ganz viel Freude und Überraschung stand die Rangfolge schließlich fest. (Es wurden nur die besten 5 Essays in eine Reihenfolge gebracht, die restlichen wurden mit einem 6. Platz ausgezeichnet.)
Ich bekam den 4. Platz, worüber ich mich außerordentlich freute, war ich doch die beste aus dem Regierungsbezirk Detmold und hatte ich obendrein die Reise nach Seoul nur um zwei Plätze verpasst. Nein, sogar nur um einen, wie sich herausstellte, denn der erste Preisträger ist österreichischer Staatsbürger und darf deshalb nicht für Deutschland an der Olympiade teilnehmen, sondern muss als Sonderfall behandelt werden. Damit wird wohl meine Zimmergenossin, die den 3. Platz gemacht hatte, auch noch mitfliegen. 
Abends wurde der Erfolg mit einer selbstorganisierten Party im Keller des Franz-Hitze-Hauses gefeiert und am nächsten Morgen waren alle dementsprechend müde. Trotzdem fand noch eine AG zum zweiten Vortrag statt, bei der wir viel über „Fremde“ und „Das Fremde verstehen“ sprachen, was ja auch das Thema der ganzen Akademie war. Nach einer Abschlussreflexion und der Auswertung der Winterakademie gab es noch Mittagessen und dann war es auch schon Zeit Abschied zu nehmen von all den neuen Gesichtern, die man kennengelernt hatte. Die Philosophische Winterakademie war eine tolle Erfahrung, an die ich mich sicher noch lange zurückerinnern werde.

Text: Laura Jensen
Gestaltung: Michelle Niestrath und Fabian Reinsch