Nexus-Akademie 06.11.2020

Bericht zur Nexus-Akademie 2020

Eine digitale Version der Nexus-Akademie 2020 fand coronabedingt dieses Jahr vom 11. bis zum 13. September online statt. Dieses Angebot ist an Studenten und Abiturienten gerichtet, welche sich für Philosophie und Ökonomie begeistern, faszinierende Fragen diskutieren und andere Standpunkte und Perspektiven kennenlernen möchten. Schüler und Studenten aus verschiedenen Bundesländern, Lebensabschnitten und Interessensgebieten treffen hierbei aufeinander und führen abwechslungsreiche, interdisziplinäre und kontroverse Diskussionen durch und vertiefen ihr Wissen hinsichtlich verschiedener Themengebiete.

Tag 1

Der erste Tag befasste sich mit der Kontroverse Markt und Moral. Nach der Begrüßung und Vorstellung aller Teilnehmer hat der Dozent Sebastian Everding einen Vortrag mit dem Thema“ Grenzen des Marktes / moralische Krisen der Marktwirtschaft“ mit Bezug auf Michael Sandlers Essay „What Money can’t buy“ und Brennan und Jaworskis Werk „Markets without limits“ gehalten. In Diskussionsgruppen à 5 Personen wurden anschließend verschiedene Fragen diskutiert und dazu wurde Stellung genommen.

Jede Diskussionsgruppe präsentierte ihre Ergebnisse in der großen Runde, dann wurden die Vor- und Nachteile verallgemeinert und wissenschaftlich diskutierten wir die Frage, ob und in wie fern Märkte eingeschränkt werden sollten. Wir kamen zu dem Schluss, dass wir uns in die Mitte der beiden Extreme „der Markt eingeschränkt werden, da andernfalls die Moral erodiert“ (Michael Sandel) und „der Markt schafft Moral; er soll ausgeweitet werden“ (Jason Brennan und Peter Jaworski) einordnen: Der Markt an sich ist nicht das Problem; Atombomben oder Kinderpornos sollten auf dem Markt nicht erhältlich sein. Dies liegt nicht daran, dass Märkte für diese Güter unmoralisch sind, sondern daran, dass solche Güter nicht existieren sollten. Allgemein sollte nur zum richtigen Zeitpunkt mit Gütern gehandelt werden. Der Markt/Verkauf von beispielsweise Organen ist allgemein nicht unmoralisch, zu gewissen Zeitpunkten ist er es jedoch schon. Als Fazit zogen wir daher, dass Märkte mit intelligenter Regulierung ein starkes moralisches Fundament haben.

Im Anschluss an die Diskussionen fand ein Argumentationstraining statt, das wir auf die oben genannten Beispiele angewandt haben. Danach gab es den "Science Slam and Socials", bei dem die Teilnehmer interessante philosophische Ideen, Bücher oder auch ihre Bachelor- oder Masterarbeit und Forschungsprojekte vorstellen konnten.

Tag 2

Morgens wurde die Nexus-Kombination Ökonomie und Psychologie vom Dozenten Kalle Kappner vorgestellt. Hierzu wurden die jeweiligen Unterthemen von Ökonomie und Psychologie beleuchtet und Schnittstellen gesucht. Anschließend haben wir besprochen, dass Philosophen wie Adam Smith, Richard Thaler und viele weitere sich mit dieser Synthese bereits beschäftigt haben. Die Themen der Verhaltensökonomie „Klassischer Homo Oeconomicus“, „Behavioral Man“ sowie aktuelle Kontroversen wurden besprochen. Besonders interessant fand ich die kognitive Neurowissenschaft und deren Befund, dass Verhalten, Entscheidungen und Handlungen von Kunden mathematisch vorhergesagt werden können.

Mittags wurden die die Denker Aristoteles und Platon miteinander verglichen. Diesbezüglich betrachteten wir die Zeit und Philosophie vor den beiden Denkern und befassten uns anschließend mit den individuellen Ideen der Philosophen. Zu Platon fokussierten wir uns auf die in Dialogform verfassten Werke Euthyphron und Menon, Platons Ideenlehre, das Sonnen-, Linien- und Höhlengleichnis und seine Ethik und politische Philosophie.

Zu Aristoteles betrachteten wir seine Kritik an Platons Ideenlehre, Aristoteles‘ Metaphysik als Alternative, sein Gottesargument, die pluralistische Staatspolitik, Ökonomie, Tugendethik und Mathematikphilosophie. In Kleingruppen haben wir anschließend dazu Stellung genommen, welchem Philosophen wir uns eher zuordnen würden und wieso.

Nach der ganzen Theorie haben wir das nächste Thema Superforecasting mit Breakout Sessions eingeleitet, bei der zufällig eingeteilte Teams Prognosefragen beantworten sollten. Wir besprachen Strategien, wie man mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bei Wetten richtig tippen kann, und haben uns dies am Beispiel der letzten Präsidentschaftswahl in Amerika angeschaut.

Nach einer kurzen Pause ging es mit der Nexus-Kombination Mathematik und Physik weiter. Hierzu haben wir uns in Kleingruppen Gedanken zu Fragen gemacht, ob die Mathematik vom Menschen erfunden wurde, um Phänomene in der Natur erklären zu können, oder ob sie schon immer existiert hat und in welcher Beziehung sie zur Physik steht. Anschließend haben wir uns angeschaut, wie Philosophen auf die Frage, ob mathematischen Wahrheiten existieren und ob wir sie erkennen können, geantwortet haben.

Abends ging es noch um den effektiven Altruismus und zum Abschluss des Tages gab es wieder „Science Slams und Socials“, die Teilnehmer vorbereitet hatten.

Tag 3

Der dritte Tag fing mit dem Thema Künstliche Intelligenz an, welches mein persönliches Highlight der Akademie war. Das Essay „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ von Richard David Precht hat mich bereits vor der Nexus Akademie beeindruckt, da ich eine ganz neue Sichtweise auf Innovation, Fortschritt, Technik und Digitalisierung kennengelernt habe. Bei Künstlicher Intelligenz dachte ich zuvor an technische Möglichkeiten und Felder, in denen sie eingesetzt werden kann: Epidemien oder Krankheiten können schneller analysiert und Impfstoffe effektiver entwickelt werden. Dass jedoch auch vieles verändert, ersetzt oder gar abgeschafft wird, wurde mir erst durch den Essay bewusst. Natürlich ist es gut, dass sinnfreie/gefährliche Aufgaben dem Menschen abgenommen werden, gleichzeitig gehen jedoch viele Fassetten der Kultur wie beispielweise durch „autonomes“ Fahren verloren. Technische Geräte übernehmen unser Handeln, beraten uns und werden als Vorbilder angesehen. Paradoxerweise geht menschliche Nähe durch „Soziale“ Medien immer weiter zurück, welche eigentlich das Gegenteil bewirken sollen. Qualitäten wie Kreativität, eigener Wille, Individualität, Moral, Richtig und Falsch wahrnehmen zu können und viele weitere, die uns zum Anderen der künstlichen Intelligenz machen, müssen stärker wahrgenommen und respektiert werden. Der Wille zum „Fortschritt“ darf nicht aus finanziellen Gründen entstehen, sondern um etwas tatsächlich zu verbessern. Technologien, die unser Leben erleichtern sollen, machen es ambivalenter und komplexer. Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit und Welthunger sollten die Themen sein, zu welchen vorrangige Lösungen gesucht werden, nicht ob eine Handykamera noch besser, ein Prozessor noch schneller oder ein Fernseher noch größer sein sollte. Diesen Standpunkt sowie die Frage, ob Roboter Bewusstsein haben können oder in wie fern die Künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft transformieren wird, konnten ausgiebig diskutiert werden.

Gegen Mittag ging es um die Nexus-Kombination Philosophie und Geschichte mit dem Schwerpunkt, ob man die Geschichte voraussagen kann, und anschließend um den Markturbanismus. Hierbei haben wir uns zwei Versionen der Stadt angeschaut: die Stadt als geplantes, optimierbares System und die Stadt als ungeplante, spontane Ordnung. Nach Einblicken in Urban Economics und Makro- und Mikro-Management haben wir uns mit aktuellen Kontroversen beschäftigt, ob räumliche Nähe aufgrund neuer Kommunikationstechnologien unbedeutend wird oder auch wer politisch für den Markturbanismus einsteht.

Das letzte Thema der Akademie war die Nexus-Kombination Biologie und Linguistik. Zuerst haben wir uns mit dem biologischen Ursprung der Sprache und der Kommunikation im Tier- und Pflanzenreich beschäftigt. An uns selbst haben wir getestet, was für Wörter/Namen wir Objekten zuordnen würden, so haben wir einstimmig beschlossen den Namen „Kiki“ einem Dreieck eher zuzuordnen ist als den Namen „Buba“. Wörter werden aufgrund ihrer Aussprache/Schreibweise mit Emotionen verbunden, so nutzt man bei einem lustigen Roman eher den Namen Robertina als in einem Trauerroman. Allgemein lassen sich Rückschlüsse von der Sprache auf die Gedankengänge von Menschen ziehen. In einigen Sprachen existieren keine Worte, um eine bestimmte Gefühlslage/Emotion zu beschreiben. In dieser Sprache kann das Gefühl daher nur als eine Mischung von zwei anderen Gefühlen erklärt werden. Die Menschen dieser Sprache haben das Gefühl somit nicht genau definiert. Dasselbe gilt für Farben: In der Antike hatten die Leute kein Wort für die Farbe Blau. Das Meer haben sie daher als durchsichtig bis gräulich beschrieben und somit wurden auch andere Emotionen mit dem Meer verbunden. Fazit: Eine komplexe Sprache ermöglicht somit auch komplexes Denken.

Zum Abschluss der Nexus-Akademie gab es eine Feedback-Runde und einen Ausblick auf andere Veranstaltungen. Eventuell wird ein Präsenztreffen – falls die Coronalage es zulassen sollte – irgendwann nachgeholt, damit man die anderen Teilnehmer auch in echt kennenlernen kann. Obwohl die Akademie online stattfand, hat sie mir sehr viel Spaß gemacht. Ich habe viele andere Standpunkte und Perspektiven kennenlernen können und konnte Kontakte zu anderen Philosophie-, Physik-, Geschichts-, Politik- und Ökonomiebegeisterten knüpfen.

Text: Nora Holthöfer