2008 Thomas Vitasse

Thomas Vitasse, unser Französisch-Assistent, kehrt nach Frankreich zurück

Eine Schule, die den Titel „Europaschule in NRW“ trägt, lebt vom Austausch mit den europäischen Nachbarn. Dazu gehört auch, dass es auf der Ebene der Lehrenden zu längerfristig angelegten Kontakten kommt. Der Pädagogische Austauschdienst sowie über das Comenius-Programm der EU vermitteln ausländische Fremdsprachenassistenten – in der Regel Germanistik-Studierende -  an deutsche Schulen mit Sekundarbereich. Einer jener ausgewählten Bewerber war Thomas Vitasse aus Bordeaux, der dem Gymnasium Schloß Neuhaus zugewiesen war.

Thomas Vitasse haben wir als einen aufgeschlossenen und äußerst freundlichen jungen Mann kennen gelernt. Im Laufe seines fast einjährigen Besuchs in Paderborn hatte er sich als französischer Fremdsprachenassistent am GSN gut eingelebt, nachhaltig engagiert und dabei viel erlebt. Jetzt steht er vor seiner Rückkehr nach Bordeaux - Zeit, Bilanz zu ziehen und ihn über seine vielfältigen Erlebnisse zu befragen.





Zuerst allerdings stellt sich die Frage, wie man eigentlich Sprachassistent wird. Eigentlich ist das ganz einfach, man bewirbt sich bei der zuständigen Abteilung des Staates, in dem man lebt, mit zwei Ländervorschlägen. Diese entscheidet dann darüber, in welches Land man geschickt wird. Obwohl Tomas im Raum von Bordeaux groß geworden ist, ist Brüssel zu seinem Lebensort geworden. Folglich schickte ihn die Behörde von Belgien nach Deutschland. Thomas war zwar schon einmal in Deutschland, nämlich im Ruhrgebiet, und so bot sich ihm die Möglichkeit, mit Paderborn auch das provinziellere Leben kennen zu lernen. Thomas: „Aber so provinziell ist das hier gar nicht.“ Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nach Italien, ins deutschsprachige Österreich oder nach Süddeutschland zu gehen, bereut hat er seine Entscheidung, noch einmal nach seine Zelte in der Mitte Deutschlands aufzuschlagen, nicht, denn er erlebte hier eine sehr schöne Zeit. Das Leben in dieser „kleinen großen Stadt“, so die Worte des mit exzellenten Deutschkenntnissen ausgestatteten Thomas, reizte ihn, besonders fasziniert ist er von der Natur. Er genießt den Weg mit dem Fahrrad zum Gymnasium Schloß Neuhaus entlang der Pader und die große Abwechslung von Betriebsamkeit und Muße im Paderborner Stadtzentrum und im Hochstift. Der historische Stadtkern mit dem Dom, aber auch andere Sehenswürdigkeiten in der Region wie das Westfälische Freilichtmuseum bei Detmold oder der Teutoburger Wald haben es ihm angetan.





Dass Paderborn eine Fahrradstadt ist, war sehr ungewöhnlich für ihn, obwohl er das als besonders angenehm empfand. Denn, so sagt er, in Frankreich wird sehr häufig das Auto oder der Bus benutzt. So kommen zum Beispiel nur sehr wenige Schüler mit dem Fahrrad zur Schule, weshalb ihn die hohe Zahl von Fahrrädern in den Fahrradständern am GSN überraschte.
In seiner Zeit am GSN gestaltete Thomas aktiv den Französischunterricht in einigen Klassen und Kursen der Oberstufe. Dabei stand für ihn im Vordergrund, dass Französisch nicht nur ein Fach, sondern vielmehr eine Sprache ist. Das erklärt auch die sehr lebenskundlichen und aktuellen Themen, die er im Unterricht behandelte. Natürlich war es am Anfang eine Umstellung für die Schülerinnen und Schüler, denn diese mussten sich an den Akzent und Satzmelodie sowie an das höhere Sprechtempo erst noch gewöhnen. Über den Unterricht hinaus vertiefte Thomas die Themen in Arbeitsgemeinschaften, die nach dem Unterricht für die einzelnen Jahrgänge stattfanden. Für die angehenden Abiturprüflinge aus der Jahrgangsstufe 13 kam es als Vorbereitung auf das Abitur im Fach Französisch sehr gelegen, sich mit einem Muttersprachler auszutauschen oder einfach nur zu unterhalten. Darüber hinaus leitete Thomas eine Fotoroman-AG.
Ein generelles Problem waren dennoch die Teilnehmerzahlen. Thomas hatte mitunter Schwierigkeiten, Termine für seine Unterrichtsangebote in französischer Sprache zu finden, da die deutsche Jugend sich in ihrer Freizeit sehr stark in anderen Aktivitäten engagiert oder zuweilen einem Job nachgeht. Das ist überhaupt nicht mit der Situation in Frankreich vergleichbar, wo die Schule eine weitaus größere Rolle einnimmt und die Kinder oft bis in den frühen Abend Unterricht haben. Danach stehen wie bei uns noch die Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen an. Keine Zeit also, einem Job nachzugehen, was in Frankreich sowieso völlig unüblich ist.
Ein weiterer Grund ist das eher bescheidene Interesse der Schülerinnen und Schüler an der Sprache unseres wichtigsten Nachbarn Frankreich. Den Grund sieht Thomas darin, dass im Moment Latein bzw. Spanisch im Trend liegen. Genau hier sah und sieht Thomas aber seine Aufgabe, den Schülern die französische Sprache näher zu bringen. Eine einfache und plausible Erklärung für das derzeitige Wahlverhalten hat Thomas aber auch nicht, zumal der rückläufige Trend längst nicht überall in Deutschland zu beobachten ist.





Angesprochen auf die Frage, ob die Situation in Frankreich ähnlich sei und die französischen Schülerinnen und Schüler eher Englisch als Deutsch als Fremdsprache bevorzugen, weiß der Experte zu berichten, dass die Lage an den französischen collèges und lycées auch dort ähnlich sei, obwohl die Zukunftsperspektiven für Menschen mit guten Deutsch- bzw. Französischkenntnissen hervorragend sind. Auch die Franzosen wissen sehr genau, dass Frankreich weiterhin Deutschlands Wirtschaftspartner Nr. 1 ist. Junge engagierte Menschen, die die Sprache des jeweils Anderen gut beherrschen, sind sehr gesucht.
Dennoch geht das Interesse an Deutschunterricht in Frankreich zurück, weniger durch den Mangel an dementsprechend ausgebildeten Lehrern, als vielmehr am Angebot der Schulen bzw. am Interesse der Schüler.Das ist auch ein Grund, warum es so schwierig ist französische Partnerschulen zu finden. Obwohl die Bereitschaft und das Interesse vorhanden sind, mangelt es an deutschsprachigen Begleitern zum östlichen Nachbarn. Auch das GSN ist schon seit Jahren darum bemüht eine Partnerschule in Frankreich vor dem Hintergrund des Erfolgsprojekts „GSN goes Europe“ zu finden. Der alten 17 Jahre andauernden Partnerschaft mit einem Pariser Vorort (Massy) trauert das GSN ja schon einige Zeit hinterher.
Thomas Lebensweg war schon dadurch ein wenig vorgezeichnet, dass er schon in der 5. Klasse angefangen hat, Deutsch zu lernen. Auf dem Collège bekam er zwei Mal pro Woche Unterricht, später auf dem Lycée dann 3 Stunden. Er erzählt, dass zum Beispiel die Musik sehr wichtig für das Interesse an einer Sprache ist. So hat die Band Tokio Hotel eine sehr erfolgreiche Marketingkampagne in Frankreich geführt und gleichzeitig die Schülerzahl, die Deutsch erlernen möchte, um 10% gesteigert.
Zum Abschluss interessiert noch die Frage, wie das Zentralabitur in Frankreich abläuft. Die Diskussion hierzulande versteht Thomas nicht, weil in Frankreich sehr positive Erfahrungen mit den zentralen Prüfungen gemacht wurden. Dort gibt es das Zentralabitur schon sehr lange, es schafft nicht nur Vergleichbarkeit, sondern auch Gerechtigkeit. Es entscheiden später wirklich nur die Noten und nicht beispielsweise der Ruf der Schule, die besucht wurde.
Wie geht es weiter für Thomas? Wenn er in seine Heimatstadt Bordeaux zurückgekehrt ist, zieht es ihn gleich wieder ins Ausland, nach Valencia, wo er ein Praktikum absolvieren wird. Später möchte er sich für eine Stelle als Übersetzer in Brüssel bewerben, wo er auch schon tätig war und einen Freundeskreis aufgebaut hat.
Man kann nur sagen, dass sich die Vorurteile, die Thomas in Bezug auf Ostwestfalen kennen lernte, nicht bestätigten. Thomas hebt den „angenehmen Lebensrhythmus“ in dieser Gegend hervor, den er sicherlich vermissen wird.





Wir, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer des Gymnasiums Schloß Neuhaus, bedanken uns für dein außerordentliches Engagement an unserer und für unsere Schule und wünschen dir alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg, Thomas!

Interview/Text: David Wulf, Rainer Sroka
Fotos: Rainer Sroka
Gestaltung: David Wulf