Praktikum an einer der größten Orgeln Europas 25.02.2015

Praktikum an einer der größten Orgeln Europas

WAS?!- Orgel? Was stimmt denn mit dir nicht? Warum da?!

Zugegeben! Das Berufsbild des Kirchenmusikers ist schon ein wenig „old-fashioned“. Ich bin früh, nämlich im Alter von neun vom Klavier zur Orgel gewechselt. Mich begeisterte einfach der mächtige Klang, der innerhalb von Sekunden die Mauern zittern lässt aber genauso schnell ein Baby zum Einschlafen bringen kann.

Aha, und wo hast du das gemacht?

Das Schülerpraktikum, welches in der Q1 (Jahrgangsstufe 11) zu absolvieren ist, habe ich bei der Dommusik Paderborn absolviert. Im Hohen Dom zu Paderborn befinden sich gleich drei Orgeln; deshalb spricht man auch gleich von einer ganzen „Orgelanlage“. Im Turm befindet sich die größte der drei Orgeln mit 83 Registern. Als Register bezeichnet man üblicherweise eine Pfeifengruppe mit demselben Baustil. Daraus resultiert ein für jedes Register spezifischer Klang. Auf Deutsch: Jedes Register klingt anders. Mal lauter, mal leiser, mal heller, mal dunkler, mal höher, mal tiefer. Die zweitgrößte Orgel mit 53 Registern befindet sich im Hochchor (s. oberes Bild, links unten). Mit 15 Registern ist die Orgel in der Krypta des Domes das kleinste Instrument der Anlage.

Erzähl mal, was da so vor sich geht.

Insgesamt gibt es drei hauptamtliche Kirchenmusiker am Dom: den Domkapellmeister, die Domkantorin und den Domorganisten. Die drei haben ihre Büros im Haus der Dommusik am Domplatz, ganz in der Nähe des Domes. Dort proben auch der Domkapellmeister mit dem Domchor und der Domkantorei sowie die Domkantorin mit der Mädchenkantorei.

„Das ist doch schnell getan!“, mag man beim ersten Lesen vielleicht denken, jedoch ist dafür eine ganze Menge Vorbereitung notwendig, wie ich in den beiden Wochen meines Praktikums erfahren habe. Man muss sich mit der Partitur, also den jeweiligen Noten vertraut machen. Dazu gehört, dass man jede Stimme gut beherrscht, alles am Klavier begleiten kann, wie man die Stimmen richtig einübt und im Vorfeld schon weiß, wo Fehler entstehen können und wie man sie wieder „glatt bügelt“. Ich habe gerade von Stimmen gesprochen. „Kann denn ein Mensch nicht nur eine Stimme singen?“ , das ist natürlich absolut richtig, aber da ein Chor ja bekanntlich aus mehreren Menschen besteht, teilt er sich in verschiedene Stimmen auf. Sopran, Alt (hohe und tiefe Knaben- bzw. Frauenstimmen) und Tenor und Bass (hohe und tiefe Männerstimmen). Die Mädchenkantorei teilt sich hingegen in Sopran I+II sowie Alt I+II.

In der ersten Woche fing der Praktikumstag in der Regel mit der Acht Uhr Messe im Dom statt. Ich war beim Domorganisten an der Orgel und durfte zuhören bzw. sang ich einige Stücke, die der Domorganist hätte singen müssen, z.B.: Psalm und Halleluja. Das sind Gesänge, die im Solo vor dem Evangelium vorgetragen werden. Nach der ersten Messe schloss sich üblicherweise das Kapitelsamt um neun Uhr an, also direkt die zweite Messe. Gleiches Programm, neue Chance, neues Glück. Danach ging es in das Haus der Dommusik. Dort griff ich den Kirchenmusikern unter die Arme, sei es Noten sortieren, abstempeln und katalogisieren oder für eine Probe am ersten Donnerstag des Praktikums zu üben. Ich durfte korrepetieren, den Chor am Klavier begleiten. Am Samstagabend stieg mein Puls wieder, als ich die komplette Vesper vorne am Ambo singen musste. Die Vesper ist ein Stundengebet, welches vor der Messe gebetet wird. Dazu werden Psalmen gesungen. Da stand ich also da vorne. Es war aber bei weitem nicht so schlimm, wie es sich anhören mag.

Die zweite Woche gestaltete sich ähnlich der ersten. Ich griff den Kirchenmusikern wieder unter die Arme, half hier und da, wo ich nur konnte, übte auch wieder, diesmal für eine Stimmprobe die ich am letzten Freitagabend mit dem Tenor hielt: Beethovens große Missa Solemnis. Natürlich nicht die ganze, aber einen Teil. Ein, wie ich finde, nicht gerade einfacher aber schöner Teil. Die Acht Uhr Messen durfte ich nun selber spielen. Da die Orgelanlage so groß ist und man alle Orgeln von einem einzigen Spieltisch aus spielen kann (ein Hoch auf die Technik), musste ich stets ein waches Auge haben, damit ich nicht den Überblick über die Anzahl der Register verliere.

Meine letzten Stunden des Praktikums werde ich so schnell nicht vergessen. Am siebten Februar durfte ich im Dom um 12 Uhr ein halbstündiges Mittagskonzert, die Angelus- Matinée spielen. Ich habe mir sagen lassen, dass es bis jetzt die vollste Matinée gewesen sein soll, was der anwesenden Lehrerschaft wohl auch ein wenig geschuldet ist.

Mit bekannten Werken der Orgelliteratur und einer eigenen Improvisation durfte ich mich noch einmal so richtig auslassen und hatte somit die Chance, mich in der verzögernden Akustik und an der Orgel zu beweisen. Ich spielte den letzten Akkord meines letzten Stückes, welches einige Sekunden verklang und hielt den Atem an! Der Applaus beendete somit ein sehr schönes und eindrucksvolles Praktikum, welches für mich hätte niemals enden müssen.

Würdest du das jemandem weiterempfehlen?

Ja, sicherlich. Es ist ein großartiger Einblick für alle, die einmal Kirchenmusiker werden wollen, und davon haben wir ja nun etliche auf unserem Gymnasium (...nicht!) Spaß beiseite. Natürlich ist das im Paderborner Hohen Dom schon die Bundesliga der Kirchenmusiker, aber es lohnt sich auf jeden Fall dort einen Einblick zu nehmen. Man sollte allerdings flexibel sein. Man steht um Acht oder Neun, wie man es eben abgesprochen hat, in der Tür und hat schon einmal eine längere Pause am Nachmittag, damit man abends bist zehn Uhr noch im Dom üben kann, falls es nötig ist. Man arbeitet eng mit den Kirchenmusikern zusammen, und das sind hochqualifizierte Musiker.

Natürlich ist das ein sehr individuelles Berufsziel, Kirchenmusiker zu werden, aber vielleicht prägt Individualität ja den Berufsmarkt…?

 

Text: Marcel Eliasch
Bearbeitung: David Krunic