Florian Käune "Was ist denn eine Gambe?"

"Was ist denn eine Gambe?"

Praktikum bei "Michael Pilger Gambenbau"

Zugeben: Es ist schon ein wenig verrückt, sein Praktikum in Köln bei einem Gambenbaumeister zu absolvieren. Aber auch nur ein wenig! Immerhin wusste ich schon aus der Praxis, was eine Gambe ist, und mich als Musiker muss schließlich auch interessieren, wie Instrumente eigentlich hergestellt werden. Und da ich sowohl Michael Pilger als auch seine Werkstatt schon kannte und äußerst spannend fand, konnte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Um es gleich zu klären: Die Gambe (Viola da gamba) ist ein Streichinstrument, dass sich zwar gleichzeitig mit der Violine entwickelte, hingegen ihrer „Verwandten“ aber zwischen den Knien haltend gespielt wird. Mit der Entwicklung von Violoncello und Kontrabass wurde sie schließlich verdrängt. Heute ist sie mehr ein Instrument für Individualisten.

Am Nachmittag des 18.1.2010 stand ich also in Köln vor dem kleinen, grauen Hinterhofgebäude in der Nähe des Deutzer Bahnhofs, in dem die Werkstatt untergebracht ist. Von außen würde man nie vermuten, dass hier so viele Kostbarkeiten schlummern.
Aber kalt war es. Die große Fensterfront mit Blick auf die Bahngleise war nur einfach verglast. „Für das Holz ist das super“, erzählt mir Michael Pilger, „denn das darf nicht zu trocken und warm gehalten werden!“ Doch trotz der sehr winterlichen Temperaturen kann man es hier ganz gut aushalten, wenn man etwas wärmer angezogen ist.

Am ersten Tag bekam ich eine kleine Einweisung in die Werkstatt. Da Michael Pilger hier normalerweise allein arbeitet, liegt nicht immer alles ordnungsgemäß an einem definierten Platz. Aber eine grobe Aufteilung ließ sich deutlich erkennen: Im Eingang ein kleiner Tisch für Besucher, links eine kleine Küche, an der Fensterfront die Arbeitsbänke und rechts auf einem Gerüst das Holzlager – und alles in einem Raum! Mich interessierte zu Anfang vor allem der Bücherschrank: Ich bekam sofort Lektüre über den Geigenbau, um mich mit dem groben Ablauf vertraut zu machen. Nicht alle Arbeitsschritte würde ich in den zwei Wochen zu sehen bekommen, schließlich dauert es etwa 180 Arbeitsstunden, aufgeteilt über drei Monate, bis ein neues Instrument fertig ist.

Um gleich einem Missverständnis vorzubeugen: Zwar ist Michael Pilger Gambenbauer, doch ein Gambenbauer kann alle beliebigen Streichinstrumente bearbeiten. Er hat sich jedoch auf Gamben spezialisiert. Da die Gambe aber ein sehr individualistisches Instrument ist, das selten gespielt wird und einen sehr speziellen Klang hat, baut, repariert und vermietet er zusätzlich die „modernen“ Streichinstrumente (Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass).

Es lagen also Saiteninstrumente aller Größen und Breiten in der Werkstatt herum, hingen von der Decke oder waren ordentlich in ihren Koffern eingepackt. Nachdem ich mich in die Materie eingelesen hatte, was seine Zeit dauerte, da es viele Fachbegriffe zu klären und viele Werkzeuge zu zeigen galt, lernte ich meinen ersten „Freund“ in der Werkstatt kennen: Einen Schulkontrabass, der seine besten Jahre zwar zugegebenermaßen hinter sich hatte, aber immer noch schul- und spieltauglich war. Den Riss im Korpus hatte Michael Pilger schon geflickt, jetzt musste dem Instrument noch ein bisschen besseres Image gegeben werden: Ich durfte alle Macken mit Schellack ausbessern und mit Farbe übermalen (hier war der richtige Spürsinn für den Farbton gefragt!). Danach musste der Korpus geschliffen und poliert werden, damit er wieder schön glänzte. Solche Reparatur- und Restaurationsarbeiten musste ich in den zwei Wochen immer wieder ausführen – irgendwann auch, ohne dass ich ständig kontrolliert wurde, weil ich in Übung kam.

Genauso spannend war aber für mich natürlich das Bauen eines neuen Instruments. Eines sei hier vorausgeschickt: Der Bau eines Instrumentes im Allgemeinen erfordert sehr viel Konzentration, Kleinarbeit, aber genauso auch Können und Übung. Es war also nicht selbstverständlich, dass ich auch hier viele Dinge selbst machen durfte! Zugegeben, die erste Arbeit war nicht gerade ein Meisterwerk der Feinmotorik: Bretter für Einlagen und Verzierungen mussten auf die richtige Stärke gehobelt werden (aber bitteschön per Hand und ganz gleichmäßig auf 2 Millimeter!). Dies ist aber genau so wichtig, wie später die feinen Arbeiten an der Wölbung und der Schnecke. Erst in der zweiten Woche bekam ich dann die Highlight-Aufgabe: Ich sollte eine grob vorgestochene Geigendeckenwölbung mit fingergliedgroßen Hobeln weiter formen und glätten. Die Wölbungen im Korpus einer Geige entstehen nämlich nicht dadurch, das Bretter in die Form gebogen werden, sondern die Geigendecke aus einem dicken Brett herausgearbeitet wird, damit keine Spannungen im Holz entstehen, die den Klang negativ beeinflussen würden. Mein Exemplar war bis jetzt ein Ausstellungsstück gewesen, ob es für eine echte Geige verwendet werden würde, sollte von der Qualität meiner Arbeit abhängen. Noch bis zum Ende der Woche sollte ich mich immer wieder mit diesem Stück Holz beschäftigen, denn diese Arbeit ist nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes „kreativ“, sondern auch sehr schwierig und langwierig (aber keineswegs langweilig!). Schließlich musste es möglichst symmetrisch und gleichmäßig geformt sein.

Eine weitere spannende Aufgabe war das Ausstechen einer Wölbung. Ein dickes Brett, dessen Umriss schon der Form einer Gambe entsprach, musste grob auf seine spätere gewölbte Form gebracht werden. Dazu wird es mit einem Stecheisen bearbeitet. Schon nach einer Stunde hatte ich eine Blase am Daumen und musste die Arbeit leider aufgeben, obwohl ich erst zur Hälfte fertig war. So musste ich wieder auf das Bemalen einiger Geigen umsteigen. Schade!

Umso mehr konnte ich mich auch mit der Geigendecke beschäftigen, die ich, nachdem die Form quasi fertig war, mit einer Ziehklinge weiter glätten sollte. Dabei fallen, vor allem abends bei Schreibtischlampenlicht, schnell die vielen kleinen Unebenheiten auf, die noch entfernt werden mussten.

Nebenher bekam mein Freund, der Kontrabass, neue Seiten, der Steg wurde wieder angepasst, die Saiten gespannt. Ich wollte mich schon freuen, wenigstens ein Instrument „fertig“ bekommen zu haben, da versagte die Mechanik der Wirbel und ein Stück Metall brach. Das konnte nur provisorisch mit ein paar Hammerschlägen und viel gutem Willen wieder behoben werden, denn ein Punktschweißgerät war in der Werkstatt nun wirklich nicht vorhanden.

So gingen die zwei Wochen mit sehr spannenden und abwechslungsreichen Arbeiten ihrem Ende entgegen. Aber Michael Pilger wollte es natürlich noch einmal ausnutzten, einen Praktikanten bei sich zu haben – so wurde die gesamte Werkstatt noch am Freitag einmal grundlegend gereinigt (na gut, nur gefegt) und aufgeräumt. Nun ja, das gehört halt auch dazu …

Eine Sache hatte ich bis hierher nicht miterlebt, nämlich das Biegen von Zargen. Im Gegensatz von Decke und Boden werden die dünnen Seitenteile der Geige mithilfe eines Biegeeisens erhitzt und in die richtige Form gebogen. Das ist äußerst kompliziert, denn das Holz darf nicht brechen und muss exakt die Form bekommen, die Decke und Boden vorgeben. Außerdem dürfen sie nicht in sich verdreht sein. Das Anpassen der Zargenteile kann manchmal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen! So lange hielt ich mich natürlich nicht damit auf, schließlich war ich ein absoluter Anfänger und meine gebogenen Exemplare konnten sowieso nicht benutzt werden. Dafür durfte ich sie als kleines Andenken mit nach Hause nehmen.

Bleibt mir nur noch, Michael Pilger für die tolle, angenehme Zeit in Köln und für den Tee in der Werkstatt zu danken!

     

Fotos: Michael Pilger und Florian Käune

Text und Gestaltung: Florian Käune