Jens Twiehaus beim „Westfalen-Blatt“

Alltagsroutine statt Skandalgeschichten

Ein Praktikum in der Nachrichtenredaktion des „Westfalen-Blatt“

Telefone läuten, Menschen rennen hektisch umher, Papier quillt aus dem Fax. Wer sich so den Alltag in einer Redaktion vorstellt und gerade deshalb Journalist werden will, sollte vorher einmal ein Praktikum absolvieren. Denn da lernt man so einiges – und vor allem, dass Einschätzungen bezüglich des Berufsbildes eines Journalisten vielfach klischeehaft sind. 

Im Rahmen der Berufsorientierungswochen 2006 hatte ich Gelegenheit, in die Nachrichtenredaktion des „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld hineinzuschauen. Eine für Schüler eher seltene Gelegenheit, aber weil ich schon länger als freier Mitarbeiter für das „Westfälische Volksblatt“ schreibe und fotografiere, ergab sich diese Möglichkeit.


Wie ist also der Alltag in der zentralen Redaktion? Wenn man ganz ehrlich ist, so ist er ziemlich eintönig und doch jeden Tag etwas anders. Die Arbeitsprozesse sind täglich gleich, nur die Nachrichten verändern sich selbstverständlich von Tag zu Tag. In einer Nachrichtenredaktion stehen die Redakteure täglich vor der Herausforderung, aus der Flut an Informationen das wirklich Wichtige und – spezielle Aufgabe für eine Regionalzeitung – das für den Leser in der Region interessante Nachrichtenangebot zusammenzustellen. Um eine Vorstellung von den Größenordnungen zu bekommen: Mittags und nachmittags kommen pro Minute etwa vier bis fünf Artikel von Nachrichtenagenturen online auf die Bildschirme der Redakteure. Dazu kommen täglich bis zu 200 E-Mails, außerdem Faxe und Briefe und zusätzlich informiert man sich noch darüber, was in Internetdiensten wie „Spiegel Online“ oder „tagesschau.de“ gerade von Belang ist. Der Fernseher zeigt den ganzen Tag Nachrichtensendungen.

Ich selbst bekam einen Einblick in diese Masse der Informationen, indem ich am System „Newswire“ gearbeitet habe, das die Meldungen der Nachrichtenagenturen in einem Programm zusammenstellt, indem ich aber auch einen Stapel Einladungen kopieren musste, die alleine an diesem Tag eingetroffen waren. Es hat sehr lange gedauert, bis der Stapel abgearbeitet war.


Was habe ich sonst noch gemacht? Viel Zeit meines Praktikums habe ich mit Rechercheaufgaben verbracht. Für die Jubiläumsausgabe des „Westfalen-Blatt“ habe ich beispielsweise Bilder in der Datenbank ausgewählt. Im Sportarchiv bezog sich meine Recherche auf Porträtaufnahmen aller Fußball-Bundestrainer; außerdem bin ich mit einem Redakteur im Zeitungsarchiv auf interessante Titelseiten gestoßen (und dabei habe ich sogar eine echte Zeitung aus der Kaiserzeit in den Händen gehalten!).

Ein Höhepunkt war sicherlich mein „Reporter“- Einsatz in Bielefeld. Für die Seite „Ostwestfalen-Lippe“ durfte ich eine Reportage über die Hysterie um den Auftritt der Band „Tokio Hotel“ schreiben. Das Schwierige war dabei sicherlich, die Orientierung zu behalten, die richtigen Leute „anzuquatschen“ und sich erst einmal überhaupt zu trauen, jemanden anzusprechen und danach aus dem Stegreif zu interviewen. Zudem steht man dabei noch unter Zeitdruck. Denn so eine Zeitung wird ja nicht erst nachts gedruckt! Die ersten Ausgaben „ zischen“ schon um 20 Uhr durch die Druckmaschinen.


Der Zeitdruck – sicherlich ein wichtiges Thema. Vor diesem Hintergrund habe ich gelernt, dass es in einer Redaktion wichtig ist, nie hektisch zu werden und unnötigen Stress zu verbreiten. Anderenfalls kommt es zu Fehlern, und die kosten wiederum Zeit, die einem irgendwann fehlt.

Außerdem bin ich jetzt in etwa „ eingeweiht“ in das Fachvokabular, das ich auch in der Lokalredaktion in Paderborn kennen lernen durfte. Wer weiß schon, was Sätze bedeuten wie: „Bernhard, du hast heute eine fünf in 4c mit einer 130 vier.“ (Übersetzt: Du gestaltest heute die Seite fünf, die in Farbe gedruckt wird (4c = 4 colours) und eine Anzeige hat, die 130 mm hoch und vier Spalten breit ist.)


Eine wichtige Erfahrung habe ich noch aus dem Praktikum mitgenommen: Es ist für einen Anfänger in der Journalismusbranche viel besser, zunächst einmal in einer Lokalredaktion zu arbeiten. Hier kann man recht selbstständig arbeiten, aktiv mithelfen und Journalismus praktisch erleben. Es sind nicht die Skandale, die den Job bestimmen, sondern viel mehr die oft zähen Pflichttermine.  

Text und Bilder: Jens Twiehaus (Jgst. 12)
Layout: Jessica Mayer