GSN hat Recht 06.07.2011

GSN hat Recht

Exkursion zum Landgericht Paderborn

Dass man als männlicher Heranwachsender abends um 20 Uhr nicht mit einer Damenhandtasche vor der Liborigalerie stehen sollte, lernten die Schülerinnen und Schüler des 10 RK 2 beim Besuch einer Gerichtsverhandlung. Ein blaues Auge („Monokelhämatom“) und mehrere abgesplitterte Zähne  könnten die Folge sein.
Verhandelt wurde ein Fall von Körperverletzung.  Der 19jährige Angeklagte bestritt nicht, mit einem anderen 19jährigen im Dezember letzten Jahres an einer Schlägerei beteiligt gewesen zu sein, Uneinigkeit gab es nur bei der Anzahl der Schläge, des Ausmaßes jener Schläge (von kleiner Ohrfeige bis schwerer Faustschlag) und vor allem bei der Menge des zuvor genossenen Alkohols. „Ich dachte, der hätte die Handtasche geklaut und wollte ihn zur Rede stellen“, behauptete der Angeklagte, was die Richterin augenzwinkernd kommentierte, da sie dem Beschuldigten schon einige Male gegenüber saß.

Es stellte sich heraus, dass das Opfer die verhängnisvolle Damenhandtasche trug, weil seine Freundin gerade auf der Toilette der Liborigalerie war. Ansonsten hatten die vier Zeugen ein auffallend schlechtes Gedächtnis und konnten sich trotz mehrmaligen Nachfragens  nicht daran erinnern, wer was wann in welchem Ton zu wem gesagt haben soll. Der Kurs konnte am Verhalten der Richterin gut erkennen, dass es in der Rechtssprechung auf jedes kleine Detail ankommt. Ein Schmunzeln ging durch die Reihen, als sich die Zeugen bei der Frage, wie viel Alkohol das Opfer vorher konsumiert habe, erheblich widersprachen. Ein guter Freund bezeichnete ihn als „völlig normal, so wie immer“, während die Freundin (mittlerweile Ex-Freundin) ihn als sturzbetrunken und wehrlos darstellte. Das Opfer selbst räumte kleinlaut ein, wohl die vielen Becher Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt nicht mitgezählt zu haben.
Nachdenklich wurden die Schülerinnen und Schüler dann wieder, als es um die Kindheit des Angeklagten ging und eine Frau im Zuschauerraum heftig zu weinen begann. Weil die Persönlichkeitsrechte des Angeklagten im weiteren Verlauf der Verhandlung geschützt werden sollten, musste der Kurs den Gerichtssaal verlassen und durfte erst zur Urteilsverkündung wieder herein. Das Urteil der Richterin lautete acht Monate offener Strafvollzug, das Urteil der Schüler schwankte zwischen „viel zu milde“ und „eigentlich tut er mir leid“. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte.

Text: Diana Kamp

Schuljahr 2010/2011